Am Ende der Spielzeit 2010/2011 verlässt Holger Schultze nach sechs Jahren das Theater Osnabrück, um Intendant des Theaters Heidelberg zu werden. Das Spielzeitheft stellt nicht nur die kommende Spielzeit vor, sondern lässt auch die vergangenen Jahre seiner Intendanz Revue passieren. Die erste Inszenierung in der Amtszeit von Holger Schultze war CHORPHANTASIE von Gert Jonke, Premiere am 16. September 2005 im Rahmen von SPIELTRIEBE 1. Seitdem haben bis zum Redaktionsschluss Mitte März 158 weitere Premieren stattgefunden.
Der bevorstehende Wechsel war außerdem Anlass für ein längeres Gespräch zwischen dem scheidenden Intendanten Holger Schultze und dem bleibenden Kaufmännischen Direktor Matthias Köhn über die gemeinsame Zeit als Geschäftsführung des Theaters Osnabrück. Die Fragen stellte Dramaturg Tobias Vogt.
Holger, du warst, bevor du nach Osnabrück kamst, Oberspielleiter am Theater Augsburg. Kannst du dich noch an deine Grundmotivation erinnern, Intendant zu werden? Und wie sahen deine konkreten Vorhaben für Osnabrück aus?
Holger Schultze:
Ich habe mich schon immer, neben der Arbeit als Regisseur, für die Strukturen des Theaterbetriebes interessiert. Und das ist ja das Tolle am Intendantenberuf, dass man sowohl künstlerisch als auch organisatorisch arbeitet und nicht nur für eine Inszenierung, sondern für die Ausrichtung des ganzen Theaters verantwortlich ist. Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht der beste Regisseur an meinem Haus sein muss. Ich wollte vielmehr ein Ermöglicher sein, der für die unterschiedlichsten Regisseure Arbeitsbedingungen schafft, damit spannende Inszenierungen entstehen können. Aus meiner Sicht ist das der Grund für unseren Erfolg, dass es uns immer wieder gelungen ist, interessante Regisseure, Autoren, Choreografen, Sänger, Tänzer und Schauspieler ans Haus zu binden, die uns neue Impulse gegeben haben. Natür lich gab es auch ganz konkrete Vorhaben, wie die Neugründung eines eigenständigen Kinder- und Jugendtheaters. Wie das im Detail funktioniert, wusste ich vorab allerdings nicht. Nur durch die Ideen und das bürgerschaftliche Engagement der Osnabrücker haben wir heute mit OSKAR ein gut funktionierendes Kinder- und Jugendtheater, das trotz des kleinen Ensembles und der begrenzten finanziellen Möglichkeiten einen äußerst vielseitigen Spielplan aufweist. Die Intendanz Holger Schultze begann mit dem Festival SPIELTRIEBE. An vielen verschiedenen Spielorten wurden insgesamt 12 Ur- oder Erstaufführungen gezeigt.
Matthias, kannst du dich noch erinnern, wie es dir ging, als diese Horde von über 50 neuen Mitarbeitern in Osnabrück eintraf, dazu die vielen jungen, zum Teil theaterunerfahrenen Ausstatter und Regisseure, die das Haus okkupierten und überall in der Stadt Theater machten?
Matthias Köhn:
Das war ein richtig spannender Moment, weil es ein Aufbruchsignal für das Haus und die Stadt war. Das Theater stagnierte vielleicht vorher ein bisschen, bedingt durch die frühe Entscheidung von Herrn Hilchenbach, seinen Vertrag nicht mehr zu verlängern. Durch SPIELTRIEBE ist es unheimlich schnell und kraftvoll wiederbelebt worden. Sicher hat das erstmal die eine oder andere technische Abteilung auch erschreckt, aber dann haben sich alle von der Begeisterung anstecken lassen. Letztendlich bis heute.
Holger Schultze:
Wir wussten damals, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man jagt uns gleich wieder aus der Stadt oder wir erobern die Stadt im Sturm. Das hat aber niemanden gehemmt, im Gegenteil, es gab eine Art Unbeschwertheit und Freiheit. Die Haltung war: Wir machen das jetzt einfach! SPIELTRIEBE war bei den Zuschauern ein großer Erfolg. Die Inszenierungen TERRORMUM und SCHNECKENPORTRAIT wurden später sogar zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen.
Holger, war das für dich der Moment, an dem du gedacht hast, jetzt
sind wir in Osnabrück angekommen, der Start ist geglückt?
Holger Schultze:
So einen Moment gab es eigentlich gar nicht. Ich habe mich von Anfang an auf Osnabrück eingelassen. Sicherlich war mir wichtig, in der Stadt eine neue Begeisterung für Theater zu entfachen. Die große überregionale Anerkennung kam aber für alle überraschend, die lässt sich nicht planen, darauf haben wir auch nie geschielt. 2007 wurde ja noch die OSKAR-Inszenierung DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK aus der 1. Spielzeit zum Berliner Kinder- und Jugendtheatertreffen „Augenblick mal!" eingeladen, später „alter ford escort dunkelblau" zu den Mülheimer Theatertagen. Verrückt.
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