ICH WÜNSCH MIR EINS

ICH WÜNSCH MIR EINS

Uraufführung von Azar Mortazavi

Laila will ein Kind: den Jungen, der in der Wohnung über ihr mit seiner teilnahmslosen Mutter lebt. Sie will sich um ihn kümmern, denn seine Schönheit erinnert sie an das eigene Fremdsein und die ferne Herkunft ihres Vaters: Arabien. George will Laila: ihre Schönheit, ihren Körper – so lange es dauert. Dann verstößt er sie. Bevor ihn seine eigene Erbärmlichkeit einholt, muss sie verschwinden, bis zur nächsten Begegnung. Nur aus sicherer Entfernung erscheint die junge Frau dem Alten als Ausweg und Prinzessin seines besseren Lebens. Die unerwartete Rückkehr von Sahid, Lailas Vater und Georges Freund, rückt die Figuren aus der Isolation in ein neues Verhältnis zueinander und zwingt sie, ihre Sehnsüchte aufzugeben oder ihnen nachzufliegen. In ihrem poetischen wie bizarren Drama entlässt die junge deutsch-iranische Autorin Azar Mortazavi die Figuren aus ihren Wunschwelten. Mortazavis einsame Menschen sind sich und der Welt fremd geworden, sie ersehnen und suchen Schönheit und den Ort, an dem sie ankommen und ihr Leben führen könnten.

Fotos: Uwe Lewandowski

Die Vorstellung dauert ca. 1 Stunde 20 Minuten, ohne Pause


Medien

Besetzung

Inszenierung Annette Pullen
Bühne/Kostüme Gregor Sturm
Dramaturgie Anja Sackarendt

Leila Andrea Casabianchi
George Thomas Kienast
Sybille Maria Goldmann
Sahid Oliver Meskendahl

Pressestimmen

„[…] Ziemlich am Nullpunkt steht die Begegnung der Kulturen in Azar Mortazavis Stück Ich wünsch mir eins, das nun im emma-theater des Osnabrücker Theaters aus der Taufe gehoben wurde. Hier der abgetakelte George „mit Bier im Herzen“, dort die schöne Leila, die neben ihm einschlafen will, sich ein Familienleben und ein Kind von ihm wünscht. […] Leilas flehender Bleibewunsch und George rüdes „Verpiss dich“ nach jeder Begegnung wiederholt sich wie die Traumata in Leilas Familiengeschichte. Der kleine Junge, zu dessen fremdländischem Aussehen und rastlosem Getrappel in der Wohnung über ihr sich Leila so verwandtschaftlich hingezogen fühlt, entpuppt sich als Sohn ihres Vaters Sahid, ist also ihr Halbbruder. Seine Mutter Sybille hat sich Sahid während dessen apathischen Kneipenhockens geangelt, genau wie Leila ihren George. Sahid verschwand aus der jüngsten Partnerschaft nicht etwa ins schöne Arabien, wie Leila lange glaubte, sondern in den Knast. […] Annette Pullen, seit 2011 Osnabrücks leitende Schauspielregisseurin, und ihre Schauspieler […] setzen knallharte Szenen neben melancholische Innigkeit, verfrorene Verzweiflung neben schwebeleichte Ahnung von Glück. Es bliebe genügend Raum für überraschend vitale Volten des Lebens, doch die ereignen sich nicht. Andrea Casabianchi spielt eine modisch auftoupierte Leila mit stark geschminkten Augen und orientalisch bunt glitzerndem Kaftan. Sie lässt mit schöner Ausdrucksintensität verführerisches Werben ins Betteln und Klammern abdriften. Thomas Kienast überzeugender George rafft sich in seiner resignierten Schlaffheit gerade noch dazu auf, Leila jedes Mal aus der Wohnung zu werfen. Maria Goldmann veranschaulicht berührend, was aus Leila ohne ihre Träume werden könnte: eine erloschene Frau mit traurig-leerem Blick. Während Oliver Meskendahl als sanft-spielerischer Sahid erahnen lässt, was seine Kinder an ihm lieben. Drei fahrbare schrankähnliche Boxen im Bühnenbild von Gregor Sturm führen genial vor Augen, wie sich seelische Innenräume öffnen, Spielräume wieder schrumpfen oder Türen sich verschließen. […]“
Theater der Zeit, Januar 2013

„[…] Azar Mortazavis Stück Ich wünsch mir eins, das jetzt am Theater Osnabrück uraufgeführt wurde, bringt das Kunststück fertig, mit den Mitteln des Sozialdramas eine glückliche Geschichte zu erzählen. Denn die soziologischen Eckdaten von Leilas Biografie sind milde gesagt prekär. Die deutsche Mutter scheint eine Prostituierte gewesen zu sein, der Vater ist keineswegs in Felix Arabia, wie Leila vermutet, sondern im Knast, und zurück kommt er nur, um neue krumme Geschäfte zu suchen. […] Diese etwas andere, weil im Kern optimistische Migranten-Geschichte hat Osnabrücks leitende Schauspielregisseurin Annette Pullen mit sparsamsten Mitteln auf ihre Hauptfigur konzentriert. Lediglich drei fahrbare Holzwände gliedern die Bühne in unterschiedliche Räume (Ausstattung: Gregor Sturm), die ganze Aufmerksamkeit erarbeitet sich Andrea Casabianchi als Energie-Träumerin Leila. Kostümiert und frisiert wie ein Amy-Winehouse-Klon, versprüht Casabianchi die trotzige Energie einer jungen Frau, die überzeugt ist, dass alles gut wird. […] Das Beeindruckende an dieser Lebensstudie ist ihr lakonischer Ton, der ein eigentlich deprimierendes Schicksal schildert, ohne Betroffenheit zu erheischen. Die absurde Psycho-Beziehung zu dem groben George (Thomas Kienast), die eigentlich nur aus Gier und Zurückweisung besteht, wird ebenso tapfer behandelt wie die kapitale Enttäuschung, dass Leilas Vater sich als Schwätzer und kleiner Ganove entpuppt (Oliver Meskendahl). […] Dank der knappen Komposition treffender Beobachtungen ist alles ausgesprochen konkret. Das einzig Märchenhafte bleibt die Behauptung, dass man an Enttäuschungen nicht zerbricht, sondern wächst. Offenbar hilft Wünschen auch dann, wenn die Wünsche nicht in Erfüllung gehen. […]“
Süddeutsche Zeitung, 13.12.2012

„[…] Verhandelt wird der Kinderwunsch einer jungen Frau. […] Sie, das ist Leila. Ihr Vater kaufte ihr als Kind einmal zehn Kugeln Eis – und tauchte nie wieder auf. Er, das ist Georg, ein arbeitsloser ‚alter Sack’, Depressionen und Selbstmitleid in Alkohol badend. Wie einen Macho-Unsympathen stellt ihn Regisseurin Annette Pullen auf die Bühne. Erst verblüfft, dann lustvoll stellt Georg fest, wie jung Leila riecht. Bezaubernd schön ist sie eh in ihrem Amy-Winehouse-Design. Und diese irrlichternde Koketterie der Rehaugen, die dann mädchenhaft keck funkeln oder todtraurig ins Leere strahlen. […] Obwohl Georg deutlich macht, sie nie an einen Ort zu führen, ‚wo alles besser werden kann’, bleibt Leila, erduldet nicht nur die gewalttätigen Sexakte, genießt sie. […] Leila sucht Halt, Vertrauen, Gewissheit, sehnt sich nach Familienbande. Dann kommt die Sache mit dem Kind. Die Autorin konfrontiert Leila erstmal mit der Realität: Nachbarin Sybille ist die genervt überforderte, alleinerziehende Mutter. […] Andere Frauen kaufen sich erstmal eine Katze, Leila leiht sich Sybilles Sohn, ihren Halbbruder. Plötzlich taucht beider Erzeuger, Sahid, auf – kommt nicht aus dem gelobten Land, sondern aus dem Knast. Der Wunsch, mit Papa nun nach Arabien zu fliehen, bleibt unerwidert. Sahid lässt seine Kinder erneut sitzen. […] Voller Empathie, frei von Sentimentalitäten und theatralem Brimborium inszeniert Annette Pullen die schroffen Kurzszenen, betont den holzschnittartigen Realismus. Das Spiel der beiden Hauptdarsteller Thomas Kienast und Andrea Casabianchi macht die Uraufführung zu einem Ereignis. Wie leidenschaftlich sie sich in die rohen, wenn auch nicht rohdiamantischen Dialoge und kurzen inneren Monologe hineingraben, sich schonungslos in den Rollen verausgaben, als gäbe es kein Morgen, so die Situation zum Glühen bringen, Fremde im eigene Leben zu sein, diese Trostlosigkeit vermitteln, nirgendwo hin und dazu zu gehören – dieses verzweifelte, gierige Umschlingen zweier Verlorener: sehr, sehr beeindruckend.“
Die Deutsche Bühne, 10.12.2012

„Azar Mortazavi gewann mit ihrem Erstling Todesnachricht immerhin den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis. Auch dessen Uraufführung in Kaiserslautern vermochte insgesamt zu überzeugen. Gestern nun kam ihr zweites Drama Ich wünsch mir eins in Osnabrück zur Premiere, seit Jahren ein für seine Lust auf Uraufführungen bekanntes Haus. […] Für den Abend gestern war Annette Pullen verantwortlich, die seit der letzten Spielzeit leitende Schauspielregisseurin ist, und das Theater gerade im Hinblick auf die Qualität der Aufführungen einen deutlichen Schritt voran gebracht hat. Hauptfigur des Stücks ist Leila (Andrea Casabianchi), die sich ein Kind wünscht – offenbar nicht zuletzt, weil sie ein Wesen sucht, dem sie Liebe geben kann und das Liebe erwidert. Sie kreuzt immer mal wieder bei George (Thomas Kienast) auf, der ratzfatz mit ihr schläft und sie wieder verstößt. Dann sucht Leila Zuflucht bei Sybille (Maria Goldmann), die einen kleinen Jungen hat, dem sie kaum Zuneigung entgegenbringt. Leila kümmert sich um ihn und träumt währenddessen von dem Land, aus dem einst ihr Vater kam (‚Arabien’) und in dem sie selbst noch nie gewesen ist. Schließlich kommt Leilas Vater Sahid (Oliver Meskendahl) aus dem Knast. Er ist, wie’s der Zufall will, auch der Vater von Sybilles Sohn. […] Pullen gibt dem Text viel Raum. Sie lässt Schilderungen, mit denen Mortazavi hübsch episierend den Dialog durchbricht, meist frontal ins Publikum sprechen – gerne auch mehrere Sprechpartien gleichzeitig, so dass den einzelnen Figuren nicht immer gefolgt werden kann. Dadurch aber unterstreicht Pullen, was Mortazavis Stück ebenfalls vermeiden will: Leilas Sehnsuchtsphantasien zu einem Rührstück über Migrantenkinder zu verkitschen. So kommen denn auch die wenigen Momente, in denen Casabianchi verzweifelt angesichts ihrer Heimatlosigkeit ins Publikum blickt, gut zur Wirkung, weil sie wohl dosiert sind. Unterstützt wird das Spiel von der nahezu requisitenfreien Bühne (Gregor Sturm), die nach hinten durch drei Holzwände begrenzt ist. […] Doch zu naturalistisch wird es nie. Und das überzeugt auch. […]“
nachtkritik.de, 7.12.2012

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