KINAN AZMEH

Songs for Days to Come

Interdisziplinäres Musiktheater ・Theater am Domhof
Premiere 04.06.2022

Uraufführung

Kinan Azmeh im Gespräch mit Juliane Piontek

Sie sind ein bekannter und gern gesehener Gast in Osnabrück. Was für eine Beziehung haben Sie zu dieser Stadt?
Ich habe eine ganz besondere Beziehung zu dieser Stadt. Ich komme ursprünglich aus Damaskus und habe die letzten 20 Jahre in New York gelebt, aber Osnabrück hat wahrscheinlich mehr von meinen musikalischen Projekten miterlebt als die anderen beiden Städte, weil ich seit 2010 eine sehr lange und tiefe Beziehung zum Morgenland Festival habe. Es ist Osnabrück, wo ich einige meiner größten künstlerischen Risiken eingegangen bin, einige meiner inspirierendsten Künstler getroffen habe und einige meiner liebsten Freundschaften geschlossen habe. Nach Osnabrück zurückzukommen, fühlt sich jedes Mal wie ein Zuhause an. Ich weiß genau, wo man ein gutes Bier trinken und Kicker spielen kann und wo man nachts um 3 Uhr etwas zu essen bekommt!

Sie haben schon viele Stücke für Orchester komponiert. „Songs for Days to Come“ ist Ihr erstes abendfüllendes Werk für die Bühne. Wie kam es dazu?
Ich habe immer an die Akkumulation geglaubt. All die Kunst, die wir heute genießen, ist das Ergebnis vieler Jahrhunderte von Kreativität und harter Arbeit. Ich betrachte meine eigenen Werke auf ähnliche Weise, die Werke, die ich heute schreibe, sind ein direktes Ergebnis der Werke, die ich im Laufe der Jahre geschrieben habe. Natürlich brauchen manche Ideen länger, um richtig zu gären, und mit einer so großen Anzahl von Künstlern zusammenzuarbeiten, kann überwältigend sein. Ich versuche, meine Werke nicht in Bezug auf ihre Länge zu betrachten, sondern eher in Bezug auf ihre Tiefe. Ich hoffe wirklich, dass mich diese Arbeit einen Schritt näher an das heranbringt, was ich zu sagen versuche. Ich versuche in Songs for Days to Come meine drei verschiedenen Hüte, die ich oft trage, zusammenzubringen, den des Komponisten, den des Improvisators und den des Performers, und ich fühle mich sehr glücklich, dass ich das mit diesem großen künstlerischen Team innerhalb eines ganzen Abends tun kann.

Wir haben gemeinsam verabredet, dass wir diesen Abend als interdisziplinäres Theater gestalten wollen und Gesang, Schauspiel, Tanz und Orchester in der Produktion beteiligen. Haben Sie schon Ideen, wie diese Zusammenarbeit aussehen wird?
Ich versuche, die Hierarchie anders zu denken, ich denke nicht daran, die einzelnen Ensembles in eine Vorstellung einzubeziehen, denn sie SIND die Vorstellung. Ich betrachte all diese wunderbaren Künstlerinnen und Künstler als Kollaborateure, und eine der Herausforderungen ist es, eine Partitur zu schaffen, die als verbindendes Vehikel für die emotionale Reise aller fungieren kann, eine Partitur, die bedeutungsvoll und herausfordernd zugleich ist. Wenn ich mit einem großen Kollektiv wie diesem arbeite, versuche ich, Parallelen zum Schreiben von Musik für meine Band Hewar oder mein arabisches Jazz-Quartett zu ziehen. Ich möchte Musik für die Individuen jenseits der Instrumente/Rollen, die sie spielen, schreiben. Die wirkliche Herausforderung für mich ist es, mit all diesen wunderbaren Mitstreitern ein Werk zu schaffen, das sensibel und intim ist.

Wird Syrien irgendwie mit Ihrer Arbeit verbunden sein? Wollen Sie spezielle Instrumente verwenden? Wird es einen arabischen Einfluss auf den Gesangsstil geben?
Syrien ist das Herzstück dieses Projekts. Der Eckpfeiler sind 14 Gedichte von 14 zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern aus Syrien, die gemeinsam eine lebendige und atmende Darstellung des heutigen Syriens weben. Es ist ein Projekt, das von Syrien inspiriert ist, aber die ganze Welt anspricht. Künstlerinnen und Künstler aus Dichtung, Musik, Tanz und Bühnenbildkunst vereinen sich zu einem großen künstlerischen Kollektiv, um darüber nachzudenken, wer wir heute sind, Menschen in einem ständigen Stadium des Transits, in dem sich Identitäten entwickeln und wachsen und zu einem integralen Bestandteil der Welt werden, die wir bewohnen. Gesungen wird größtenteils auf Arabisch, denn es ist mir ungemein wichtig, dass das deutsche Publikum die Musik hören kann, die die arabische Sprache in sich trägt. Von den speziellen Instrumenten, die in der Opernwelt nicht üblich sind, werde ich die Oud in der Partitur verwenden, ebenso wie den leichten Einsatz von Elektronik.

Abschließend möchte ich sagen, dass dies nicht nur ein Stück über die syrische Tragödie ist, sondern eher eine Geschichte von vielen Geschichten, in der die Dichter die Saat dessen legen, worüber viele von uns in zukünftigen Zeiten singen werden. Können Sie uns etwas über Ihre Kollegen erzählen, die an diesem Werk teilnehmen werden? Zusätzlich zu den 14 Lyrikerinnen und Lyrikern, deren Gedichte in dem Werk vorkommen, freue ich mich, mit zwei lieben Freunden aus meiner Studienzeit an der Musikhochschule in Damaskus zusammenzuarbeiten, der Sängerin Dima Orsho und dem Oud-Spieler Issam Rafea. Wir haben seit mehr als 18 Jahren eine Band zusammen, die wir 2003 unter dem Namen Hewar gegründet haben (wir traten 2011 beim Morgenland Festival auf). Beide sind wunderbare Musiker und Improvisatoren, die quer durch die musikalischen Genres denken. Natürlich freue ich mich auch auf die Zusammenarbeit mit meinen lieben Kolleginnen und Kollegen vom Osnabrücker Symphonie Orchester, mit denen ich schon mehrfach gespielt habe, und dem gesamten Kreativteam des Osnabrücker Theaters.

Besetzung


Inszenierung: Ulrich Mokrusch
Dirigent: Daniel Inbal
Bühne und Kostüme: Okarina Peter und Timo Dentler

In Kooperation mit