Ein Haus auf der Bühne, um welches mehrere Menschen stehen.

Frau Yamamoto ist noch da

Dea Loher

Schauspiel
Theater am Domhof
Premiere 13.02.2026
Einführung: 30 Minuten vor Beginn
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 45 Min, keine Pause

"Ein herzerwärmendes Stück, eine kluge Regie und eine schöne Ensembleleistung im sinnreichen Bühnenbild"

- Christine Adam, NOZ

Wir befinden uns mitten in einer großen Stadt. Was sehen wir? Im Restaurant schiebt eine Frau ihre kranke Mutter als Grund vor, um nicht mit ihrem Freund zusammenziehen zu müssen. Im Fahrradladen schreibt ein Mann ein Liebesgedicht ins Nichts hinein. Im Park überzeugt eine Frau eine andere, für ein neues Waffennutzungsgesetz zu stimmen. Im verseuchten Fluss entdecken Angler:innen tote Fische. Immer wieder schweift unser Blick auf die Wohnung des Paares Erik und Nino, die sich, quasi unabsichtlich, langsam auseinanderleben.

Das Stück zeichnet das Panorama einer Gesellschaft, in der die Menschen zugänglich und scheu sind, vergnügungssüchtig und angstvoll. Einzig die Älteste, Frau Yamamoto, lässt ihre Tür offen, damit ein Durchzug entsteht, damit die Welt hineinkommen kann – in ihrer ganzen Schönheit und Grausamkeit.

 

„Wieso sollen wir sie einladen – wir kennen sie überhaupt nicht.Da würden wir was anfangen ... Das können wir am Ende gar nicht mehr kontrollieren.“

15.03.2026So. 19:30
19.03.2026Do. 19:30
26.03.2026Do. 19:30
18.04.2026Sa. 19:30
05.05.2026Di. 19:30
13.05.2026Mi. 19:30

Hinweise:
Das Stück "Frau Yamamoto ist noch da" ist auch als Buch erschienen im Verlag der Autoren.
Die Vorstellungen werden abschnittsweise mit Mikroports verstärkt.

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"Ein eindrücklicher Abend [...] Was hier geschieht, geschieht scheinbar nebenbei – und bleibt doch haften"

Dominik Lapp, Hasepost

 

„In einfacher Alltagssprache klingt so in diesen kleinen Szenen Größeres an […] Keine von [den Figuren] wird verurteilt, manche sind komisch, aber über alle kann man als Zuschauer mit sich selber ins Gespräch kommen. Dafür ist Theater da, Chapeau!“

Hans Butterhof, Westfälische Nachrichten

Hinweis: In den Vorstellungen am 22.02. und 23.02.2026 spielt Sascha Maria Icks die Rollen: Servicekraft, Frau 1 im Park, Anglerin 1, Frau, die ihren Rucksack vergessen hat.

Frau Yamamoto: Angelika Thomas
Nino: Michi Wischniowski
Erik: Stefan Haschke
Frau im Treppenhaus, Frau in der Bar und beim Tanzen, Klientin, Frau im Treppenhaus: Monika Vivell
Frau im Restaurant, Frau 2 im Park, Frau am Fenster, Anglerin 2, Frau an der Landstraße: Annika Martens
Mann im Restaurant, Therapeut, Angler 3: Ronald Funke
Servicekraft, Frau 1 im Park, Anglerin 1, Frau, die ihren Rucksack vergessen hat: Verena Maria Bauer
Mann der ein Gedicht schreibt, der ein Gedicht vorträgt, Mann in der Bar und beim Tanzen, Mann auf einem Spaziergang: Hans-Christian Hegewald
Mika, Mann an der Landstraße: William Hauf
Kind auf einem Spaziergang: Mathis Bolz/Hannah Reif

Inszenierung: Alina Fluck
Bühne und Kostüme: Marleen Johow
Kostüme: Svenja Mangold
Video & Musik: Oskar Smollny
Choreographie: Miyuki Shimizu
Lichtdesign: Julian Rickert
Dramaturgie: Kundry Reif
Regieassistenz und Abendspielleitung: Lara Maßmann
Ausstattungsassistenz: Lena Stühmeier
Inspizienz: Kiki Timm
Regiehospitanz: Anika Laschewski
Soufflage: Astrid Willnow-Herrmann
Theatervermittlung: Dietz-Ulrich von Czettritz

Technischer Leiter: Clemens Michelfeit
Bühnenmeister: Sascha Niebuhr
Ton: Tim Klöpper
Requisite: Volker Witte, Nina Paulsmeyer
Maske: Ina Bollien, Thorsten Kirchner
Damengarderobe: Naomi Michel
Herrengarderobe: Leon Reith
Dekorationswerkstätten: Tischlerei, Schlosserei, Polsterei, Malsaal und Theaterplastik

Fotos: Joseph Ruben

Angelika Thomas ist nach über 50 Jahren wieder am Theater Osnabrück, mehr zu ihrer Person und ihrer Rolle als Frau Yamamoto finden Sie im Theaterjournal aus der NOZ: Theater Osnabrück: Zurück nach Osnabrück mit Frau Yamamoto oder auch im aktuellen NOZ-Artikel über die Schauspielerin aus dem TV.

Wie Gegenwartsthemen im Stück neu aufgegriffen werden, erfahren Sie in diesem Theaterjournal Artikel aus der NOZ: Wie die Autorinnen die Gegenwart einfangen - NOZ

 

Texte aus dem Programmheft

Das was da ist

„Das da was is“, weiß Anglerin 1, die versucht, Anglerin 2 davon zu überzeugen, dass Gott existiert. Anglerin 2 entgegnet "Da is nichts" und möchte sich lieber auf die Fische konzentrieren. Die beiden sind Teil des großen Figurenarsenals von Dea Lohers Stück, welches wir in vielen kleinen Szenen treffen. Verortet in einer Stadt, schauen wir, wie mit dem Fernglas, auf Menschen im Restaurant, am Fluss, im Park und Zuhause. Alle diese Figuren haben etwas gemeinsam: Sie wollen eigentlich Nähe, doch fehlen Ihnen die Mittel diese herzustellen. Sie sprechen miteinander und verpassen sich trotzdem. Ihnen ist Abgrenzung sehr wichtig, und gleichzeitig sieht man allen die Einsamkeit an. Hinter dem was sie sagen steckt ein „man müsste mal“, aber am Ende handeln sie doch nicht. Es ist, als wären sie im Möglichkeitsraum gefangen oder als hielten sie sich das Leben angestrengt vom Leibe – aber gelebt werden muss es doch trotzdem. Über allem schweben die Fragen, die uns alle beschäftigen: Wie sprechen wir über die Dinge, die uns bewegen? Wie gehen wir mit Verlusten um? Wie wollen wir leben? Immer wieder fällt unser Blick auf das Mehrparteienhaus, in dem Nino und Erik, sein Neffe Mika und Frau Yamamoto, ihre Nachbarin, leben. Zu Beginn fragt Frau Yamamoto ihren Nachbarn Nino, ob sie ihre Wohnungstür offen lassen kann. Die Wohnungstür einen Spalt offen zu lassen, ist wahnwitzig und lebensgefährlich. Aber was hat sie zu verlieren? Frau Yamamoto ist sehr alt und hat schon viel erlebt, sie möchte nicht alleine sein. Schnell versteht man die offene Tür als Metapher: Frau Yamamoto lässt als einzige Figur den Luftzug des Lebens zu, mit allem, was dazu gehört. Es ist schwierig, dem Theaterabend ein Genre zu ordnen. Die Sprache ist Alltagssprache, die aber trotzdem sofort durch eine entrückte Poesie auffällt. Es sind lauter Lücken im Text, Pausen und Schweigen, die beschreiben, was nicht gesagt wird. Während sich die Zeitebenen leicht vermischen, erkennt man doch einen klaren Handlungsverlauf. Mehrere Motive wiederholen sich immer wieder: Rucksäcke voller Möglichkeiten, das Gefühl, etwas zu stehlen, oder immer wiederkehrende Fische. Für das Team um Alina Fluck war es wichtig, mit der Entrücktheit des Textes umzugehen. Das, was nicht gesagt wird, bahnt sich auf anderen Wegen den Weg an die Ober fläche. Und so entsteht ein magischer, surrealer Raum der auch Momente des Hoffens zulässt. Denn Frau Yamamoto, deren Vorname Sole, wie die Sonne ist, beginnt auf das ganze Stück und seine Figuren zu strahlen. Und egal an welchem Punkt die Figuren stehen, sie können sich immer wieder sagen: Frau Yamamoto ist noch da.

 

Wir alle deuten die Gegenwart

Dea Lohers Theatertext steckt voller soziologischer Fragestellungen. In einem Gespräch mit Dr. Lars Gertenbach, Professor des Studiengangs Soziologische Zeitdiagnosen an der Universität Osnabrück, nähern wir uns dem Stück.

Kundry Reif (Dramaturgin): „Wieso sollen wir sie einladen? Dann beginnen wir etwas, das wir gar nicht mehr kontrollieren können“, sagt die Figur Erik relativ zu Beginn des Stücks, als sein Partner Nino die ältere Nachbarin Frau Yamamoto nach Hause einladen möchte. Dieser Rückzug ins Private, die Angst vor Nähe, vor Neuem oder generell vor sozialen Kontakten – ist das etwas, das Sie auch gesellschaftlich beobachten? Gibt es dafür soziologische Erklärungsansätze?
Dr. Lars Gertenbach: Das ist schwierig zu sagen. Ich denke, wir sehen zumindest eine höhere Sensibilität in der Beobachtung dieser Phänomene, was mit der Pandemie, aber auch der Omnipräsenz von Onlinekommunikation zu tun haben dürfte. Vielleicht ist es auch gar nicht mehr so passend, vom „Rückzug ins Private“ zu sprechen, weil sich das Verhältnis von privat und öffentlich grundlegend verändert hat – schon deshalb, weil ein Mobiltelefon genügt, um auch von zu Hause aus öffentlich kommunizieren können. Das im Stück geschilderte Zögern, soziale Beziehungen einzugehen, d. h. den Raum des Privaten für andere zu öffnen, erscheint daher als paradox, ist aber vielleicht auch gerade der rückseitige Effekt einer kommunikationstechnisch ermöglichten Dauererreichbarkeit. Soziologisch wäre danach zu fragen, in welchem Verhältnis diese Kontrollbemühungen dazu stehen, dass wir gleichzeitig immer mehr höchst Privates bereitwillig ins Internet stellen – und das heißt: mit den nicht kontrollierbaren, diffusen Internet-Öffentlichkeiten teilen. Es scheint mir interessant, das in diesem Zusammenhang zu diskutieren.
KR: In einer Szene überredet eine Frau eine andere, Waffen im Alltag zu benutzen – auch aus Gründen der Selbstverteidigung. Das erinnert sowohl an eine zunehmende Militarisierung des Alltags als auch an Preppertum. Gibt es hierzu aktuelle gesellschaftliche Tendenzen oder Forschungen? Und wie ordnet die Soziologie das ein?
LG: Von einer Militarisierung des Alltags würde ich nicht sprechen (und wenn, dann eher in einem anderen Sinne und mit Blick auf die USA). Was sich vielleicht eher beobachten lässt, ist ein Schwinden von institutionellem Vertrauen, was oftmals, aber nicht zwingend, auch mit dem Anwachsen von endzeitlich-apokalyptischen Gestimmtheiten einhergeht. Das Preppertum wäre hier eine in der Regel individualistische Antwort, aber hieraus können sich auch neue Organisationsformen und Solidaritäten entwickeln – auch das kann man in den USA aktuell beobachten.
KR: Ein zentrales Thema des Stückes ist Einsamkeit. Frau Yamamoto, als alte Bewohnerin, ist einsam und geht damit offen um. Aber auch die anderen Figuren wirken trotz Kommunikation und sozialer Einbindung isoliert. Einsamkeit scheint medial und gesellschaftlich gerade stark präsent zu sein. Ist Einsamkeit wirklich das große Thema gerade?
LG: Das Thema der Einsamkeit ist tatsächlich aktuell sehr präsent, was sicher auch mit der Erfahrung der Pandemie zu tun hat. Als Zeitdiagnose ist es im Grunde genommen aber gar nicht neu, es findet sich auch schon im 19. Jahrhundert und wird seitdem immer wieder als Kehrseite von urbaner Fremdheit und Anonymität beschrieben. Was höchstwahrscheinlich
aber zugenommen hat, sind Einsamkeitsempfindungen, also auch die Bereitschaft, seine eigene Lebenssituation als einsam zu beschreiben. Die Soziologie hat meines Wissens aber
erst begonnen, das empirisch genauer zu erforschen, was natürlich nicht ganz leicht ist, weil sich ein solcher Wandel nur über längere Zeiträume beobachten lässt.
KR: Sie sind seit 2025 Professor des neuen Studiengangs Soziologische Zeitdiagnose an der Universität Osnabrück. Was ist das konkrete Ziel dieses Studiengangs? Und wie sehen Sie die Verbindung von Forschung und Theater?
LG: Zeitdiagnosen zielen darauf, Entwicklungsdynamiken und Tendenzen gegenwärtiger Gesellschaften zu benennen. Das ist für die Stadt, das Theater, letztlich die Öffentlichkeit als Ganze anschlussfähig, weil auch dort über Gesellschaft gestritten und verhandelt wird – gerade mit Blick auf die immer ungewissere Frage, wohin Gesellschaften sich entwickeln.
Die Soziologie und das Theater reagieren auf diese Deutungsbedürftigkeit der Gesellschaft, ähnlich, wenn auch mit anderen Mitteln. Der Studiengang in Osnabrück kreist um diese Fragen der Deutung der Gegenwart im Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Dabei interessiert uns auch die Anbindung an die Stadt und das Theater als Ort städtischer Öffentlichkeit.

Was gespielt wird

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