Das Orchester der Zukunft – Die Zukunft der Orchester

FOKUS ORCHESTER

In der Spielzeit 2019/20 feierte das Osnabrücker Symphonieorchester seinen 100. Geburtstag. Zu diesem Anlass fanden unter dem Titel FOKUS ORCHESTER eine Reihe von Gesprächsveranstaltungen mit Themen rund um das Osnabrücker Symphonieorchester statt. Zum Abschluss der Reihe wollten wir gemeinsam mit dem Maastrichter Musiksoziologe Peter Peters einen Blick in die Zukunft werfen und uns fragen, wie „Das Orchester der Zukunft – Die Zukunft der Orchester“ aussehen könnten. Die für April 2020 geplante Veranstaltung musste aufgrund des damaligen Corona-bedingten Lockdowns ausfallen. Ein halbes Jahr später hat die Ausgangsfrage eine ganz neue Brisanz bekommen. Wir haben den Gesprächsfaden wieder aufgegriffen.

Seit März 2020 haben sich die Aufführungsbedingungen in Konzerten infolge der COVID-19-Pandemie massiv verändert: Jede Art der Planung ist von der Frage bestimmt, wie sich notwendige Sicherheitsmaßnahmen - allem voran der Abstand, sowohl zwischen den Musiker*innen wie auch zwischen den Zuschauer*innen - mit künstlerischen Ansprüchen verbinden lassen.
Wie gehen Orchester und Veranstalter Ihrer Beobachtung nach mit dieser Herausforderung um?
Peter Peters: Lassen Sie mich zunächst sagen, dass die Situation für Musiker und ihr Publikum sehr drastisch ist. Klassische Musik setzt mehr als jede andere Kunstform auf physische Nähe. Der Konzertsaal wurde im 19. Jahrhundert entwickelt, damit die Musiker und das Publikum die Musik so genau wie möglich hören können. Musik entsteht in dem Moment, in dem wir da sind. Aufgrund der Pandemie haben Orchester nur einen Bruchteil ihres Publikums im Saal oder können überhaupt keine Live-Konzerte geben. Es ist nicht möglich, ein großes Repertoire aufzuführen, da die Bühnen zu klein sind. Die Alternative für viele Orchester besteht darin, ihre Konzerte live zu streamen. Das macht es für Orchester schwieriger zu wissen, wer ihr Publikum ist. Mehr als sonst ist es jetzt sehr wichtig, nach Strategien zu suchen, um das Publikum zu erreichen und an Orchester zu binden.

Ein zentrales Anliegen Ihres Instituts ist es, sich verändernde Aufführungsformen klassischer Musik zu erforschen und zu dokumentieren, bzw. auch gemeinsam mit Ihren Praxispartnern neue Formen zu entwickeln. Vor einem halben Jahr hätte ich Sie nur gefragt: „Warum sollten / könnten / müssten sich unsere bislang praktizierten Aufführungsformate verändern?“ Jetzt möchte ich die Frage noch erweitern: Welche Chancen sehen Sie für den klassischen Konzertbetrieb darin, dass Veranstalter aktuell dazu gezwungen sind, über neue Formen nachzudenken?
Im Maastricht Center for the Innovation of Classical Music arbeiten die Philharmonie Zuidnederland mit der Maastricht University und der Kunstakademie der Zuyd Hogeschool zusammen. Durch die Zusammenführung von Berufspraxis, wissenschaftlicher Forschung und Musikausbildung wollen wir grundlegende Fragen beantworten, mit denen Orchester konfrontiert sind. Wie können wir das Erbe des symphonischen Kanons im 21. Jahrhundert auf künstlerisch interessante Weise am Leben erhalten? Wie können Orchester ihre Relevanz und Bedeutung für die Gesellschaft steigern? Wie können wir das symphonische Konzertritual erneuern, um ein größeres und vielfältigeres Publikum zu erreichen? Neue Ausführungsformen sind erforderlich, um Antworten auf diese Fragen auszuprobieren. Die Corona-Pandemie hat Orchester mehr oder weniger gezwungen, sich mehr als zuvor auf den digitalen Bereich zu konzentrieren. Ein Konzert „existiert“ nicht nur, wenn es live im Saal aufgeführt wird und dann wieder verschwindet. Durch Streaming kann ein Online-Konzertarchiv erstellt werden. Orchester entwickeln andere Formen der Interaktion mit ihrem Publikum. Zum Beispiel geben Musiker der South Netherlands Philharmonic bei einem Konzert persönliche Videoerklärungen.

Gehen wir noch einmal zurück zum ursprünglichen Ausgangspunkt: Das Osnabrücker Symphonieorchester ist im Dezember 2019 100 Jahre alt geworden. Dabei hat sich die Struktur (wenn auch sich die Personalstärke mehr als verdoppelt hat) kaum geändert, viele Werke, die 1919 gespielt wurden, prägen auch heute noch die Konzertspielpläne, ein Musiker des Jahres 1919 könnte sich mit seinem eigenen Instrument vermutlich weitgehend problemlos in einen aktuellen Proben- und Aufführungsbetrieb einfügen. Die Welt um das Orchester herum hat sich jedoch völlig verändert, blickt man z.B. in die Bereiche Mobilität, Kommunikation, Naturwissenschaften. Der Musiker von 1919 weiß nichts von Computern, Mobilfunk, Fernsehen, Internet. Autos, Flugzeuge und Züge, die er kannte, haben wenig mit dem zu tun, was ihre heutigen Nachfahren darstellen.
Würde ein Musiker von heute sich noch genauso in einem Orchester des Jahres 2119 orientieren können?
Ich denke das ist eine sehr schöne Frage. Orchester haben sich im 20. Jahrhundert zu Museen entwickelt, in denen eine Tradition weitergegeben wird. Es erinnert mich manchmal an einen japanischen Brauch, alle zwanzig Jahre einen Tempel abzureißen und wieder aufzubauen. Wissen und handwerkliche Fähigkeiten werden auf diese Weise seit über tausend Jahren bewahrt. In der klassischen Musik blicken wir Hunderte von Jahren zurück. Was sehen wir, wenn wir im selben Zeitraum nach vorne schauen? Ich denke, die Welt wird sich bis 2119 bis zur Unkenntlichkeit verändert haben. In pessimistischen Momenten frage ich mich, ob die Erde überhaupt noch lebenswert sein wird.

Konzertkultur hat sich mit den gesellschaftlichen Umständen über die Jahrhunderte immer wieder gewandelt. Wie kommt es, dass wir heute noch gedanklich stark an einer im späten 19. Jahrhundert entstandenen Form festhalten? Warum fällt es der Institution Orchester weltweit so schwer, sich – jenseits des Pandemie-Falls - davon im „normalen“ Sinfoniekonzert zu lösen, auch wenn alternative Formate fast überall erprobt werden, dann aber ihren Platz eher in eigenen Reihen und Sonderveranstaltungen haben?
Das symphonische Repertoire wird nach romantischen künstlerischen Ideen aufgeführt, die im 19. Jahrhundert entstanden sind. Dabei erhält eine Komposition den Status eines unveränderlichen Kunstwerks. Die Treue zur Partitur stellt sehr hohe Anforderungen an die musikalischen und technischen Qualitäten der Musiker. Um Musik als Kunst schätzen zu können, werden auch Anforderungen an das Publikum gestellt: „Hören Sie in Stille aufmerksam zu“. Die Gebäude, in denen symphonische Musik aufgeführt wird, erfüllen diese künstlerischen Anforderungen. Das klassische Musiktraining zielt hauptsächlich darauf ab, ein Instrument so gut wie möglich spielen zu können. All diese Aspekte sind miteinander verflochten. Orchester, die mit Anpassungen experimentieren, beispielsweise um außerhalb des Konzertsaals zu spielen, stoßen sofort auf die Hegemonie dieser romantischen künstlerischen Werte.

Welche Herausforderungen ergeben sich aus dem Spannungsfeld, dass es heute (anders als im 18. und weitgehend im 19. Jahrhundert, als nur aktuelle Musik gespielt wurde) zum Selbstverständnis von Sinfonieorchestern gehört, das musikalische Erbe der vergangenen Jahrhunderte zu pflegen und weiterzugeben, und dass gleichzeitig sich der Orchesterbetrieb in einer Welt positionieren muss, die davon geprägt ist, unentwegt Zugang zu neuem zu haben?
Kunst, die lebt, muss sich immer wieder mit den aktuellen Umständen verbinden. Das Verstehen und Nachahmen der Vergangenheit so gut wie möglich kann aus musikgeschichtlicher Sicht interessant sein, aber letztendlich interessiert uns, was das musikalische Erbe uns jetzt zu sagen hat. Die Suche nach künstlerischen Antworten auf diese Frage liegt in der Verantwortung der Orchester. Dabei sollten sie diese sich schnell verändernde Welt nicht als Bedrohung sehen, sondern als Gelegenheit, die Musik auf neue Weise zu hören und zu verstehen. Zwei Tage nach dem Lockdown im März veröffentlichten die Rotterdamer Philharmoniker ein Video, in dem Musiker aus ihren jeweiligen Häusern die „Ode an die Freude“ aus Beethovens Neunter spielten. Akustisch natürlich nicht perfekt, aber das Video wurde drei Millionen Mal angesehen und hat meiner Meinung nach nicht nur die Menschen getröstet, sondern auch die Aufführungsgeschichte des Neunten bereichert.

Rechnen Sie damit, dass Sinfoniekonzerte, sofern es wieder möglich ist, wieder das werden, was sie bis zum März 2020 waren? Oder werden die Erfahrungen der Corona-Zeit den Konzertbetrieb nachhaltig verändern?
Ich vermute, dass die Erfahrungen aus der Corona-Ära das Konzertgeschäft nachhaltig verändern werden. Am wichtigsten ist, dass Orchester eine digitale Strategie entwickeln. Wie präsentieren wir uns online? Welche Möglichkeiten bietet das Hybridkonzertformat: eine Kombination aus Live und Streaming? Wie bieten wir ein Archiv von Konzerten online an? Wie können Musiker online mit ihrem Publikum kommunizieren? Aber auch: Wie können Menschen aktiver auf das reagieren, was sie während der Konzerte erlebt haben, und diese Erfahrungen mit anderen teilen? Dies sind alles Fragen, die aktuell bleiben, wenn die Pandemie hoffentlich schnell vorbei ist.

Inwieweit hatten die Erkenntnisse Ihrer Forschung schon Einfluss auf den Konzertbetrieb des kooperierenden Orchesters Philharmonie Zuidnederland (jenseits der forschungsrelevanten Experimente) genommen – und wie sehen Ihre Pläne für die nächsten Jahre aus?
Als Forscher wollen und können wir nicht feststellen, ob und wie Orchester innovativ sind. Das müssen sie selbst tun. Um innovativ zu sein, muss man weiter lernen. Vergleichen Sie es mit Etüden spielen, was jeder Musiker tut. Im Moment arbeiten wir an den Experimenten, die wir in den letzten Jahren mit dem Orchester durchgeführt haben, um das, was wir „Studien für ein lernendes Orchester“ nennen. Hier teilen wir das, was wir als Forscher, Konservatorium und Studenten gelernt haben, mit anderen Orchestern. Zum Beispiel, wie wichtig es ist, sich zu fragen, welche Rolle Sie dem Publikum geben, wenn Sie ein innovatives Konzert entwickeln. Oder wie Sie Musikern mehr Unabhängigkeit in ihrer Arbeit geben. Vor allem aber muss ein lernendes Orchester immer wieder Fragen zu künstlerischen Routinen und Zielen stellen. Warum spielen wir diese Musik hier jetzt so? Jeder im Orchester ist an der Beantwortung dieser Frage beteiligt. In den kommenden Jahren möchten wir als MCICM weiterhin zu dieser Suche beitragen.

Vielen Dank für Ihre Zeit!
Das Interview führte Dorit Schleissing-Stengel


Peter Peters ist Professor am  Maastricht Centre of Innovation of Classical Music (MCICM), einer Kooperation der Maastricht University, der Zuyd University of Applied Sciences und der Philharmonie Zuidnederland, das stellt sich Aufführungsbedingungen klassischer Musik und ihre mögliche Entwicklung in Theorie und Praxis erforscht.
Am MCICM spielt Peter eine führende Rolle bei der Entwicklung interdisziplinärer akademischer und praxisorientierter Forschung, die Reflexion mit Machen und Gestalten verbindet und sich somit auf die künstlerische Forschung konzentriert. Gemeinsam mit den Mitarbeitern des MCICM und der Partnerinstitute hofft Peter, in der Praxis Experimente zu entwickeln, die zu neuen Modellen für die symphonische Praxis führen und (Eu)regionale und internationale Forschungskonsortien und Partnerschaften aufbauen.

 

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