Natalie Wilhelm

Mein Schicksal – meine Entscheidung?!

Mittwoch, 3. Juli 2019, 15:52 Uhr

Zeit. Ich habe keine Zeit. Keine Zeit, um zu lange über sie nachzudenken. Zu abstrakt, um sie in kurzer Zeit in ihrer Ganzheit zu begreifen. Aber kann man Zeit nicht nur dann wirklich schätzen, wenn man sich ihrer bewusst ist? Wenn ich die Zeit vergesse, geht sie viel zu schnell vorbei. Unbewusste Zeit ist kurz. Der Trott des Alltags nimmt viel davon ein: Arbeiten, Essen, Schlafen. Was spricht dagegen, sich jedes Mal für eine Aktion bewusst zu entscheiden oder sie gar zu hinterfragen?

So ergeht es auch dem Protagonisten Linus in LINUS IN DER STUFENWELT. Die Gesellschaft ist in vier Sphären eingeteilt. In Sphäre 1 geht es allen Menschen gut, denn Leib und Wohlstand sind dort sicher. „Ist es möglich, in einer solchen Kulisse unglücklich zu sein?“, fragt sich Linus Hoppe. In einer Gesellschaft, in der sich Menschen nicht mehr untereinander austauschen, miteinander reden, geschweige denn das Schicksal in die eigenen Hände nehmen, ist dies für einen Außenstehenden leicht zu beantworten. Was aber in den anderen, niederen drei Sphären geschieht, wird kaum hinterfragt. Dort wird schwer gearbeitet, die Menschen sind unglücklich und müde von ihrer Arbeit. Allein die Bewohner der ersten Sphäre sehen das Problem nicht, denn für sie gäbe es keinen besseren Ort auf der Welt. Es geschieht nichts Unvorhersehbares und sie empfinden das aufgezwungene System als gerecht. Der große Berechner rechnet schließlich das Schicksal für jeden aus. Auch in der heutigen fortschreitend digitalisierten Gesellschaft bestimmen Computer und Programme immer mehr unseren Alltag, unser Handeln. Auf die Technik wird sich immer mehr verlassen als auf den eigenen Verstand, denn sie scheint auf den ersten Blick unfehlbar zu sein. Weitere aktuelle Themen wie die freie Meinungsäußerung werden in dem Stück behandelt: „Das Wichtigste, was ein Demonstrant können muss, ist schnell laufen.“ Für viele Menschen auf der Welt ist das die traurige Wahrheit. In der „Stufenwelt“ hat man sich mit solchen Begebenheiten schon abgefunden. Doch ein möglicher Schlüssel zur Veränderung zeigt sich in der Umwandlung von Angst in Mut, die der Protagonist Linus vollbringt.

Um solch wichtige und aktuelle Themen im wahrsten Sinne des Wortes richtig auf die Bühne bringen zu können, bedarf es eines gewissen Fingerspitzengefühls. Mimik, Gestik oder auch die Art zu gehen werden bis ins letzte Detail ausgefeilt, um die verschiedenen Charaktere des Stücks für den*die Zuschauer*in besonders lebendig darstellen zu können. Dabei fehlt es dem Ensemble nicht an Kreativität: Der abstrakte Begriff der Zeit wird mit verschiedensten Mitteln so dargestellt, dass man meint, man könne den auf der Bühne gezeigten Zeitraffer förmlich spüren.

Natürlich sehe ich bei meinem Probenbesuch noch nicht die Originalkostüme, aber mit den ersten Requisiten, den Anweisungen der Regisseurin und einer besonderen schauspielerischen Leistung seitens der Darsteller*innen wird die Bühne bereits zum Leben erweckt.

Alleine das Betreten des Spielorts, der alten Tischlerei Seibt, versetzt mich in eine ganz andere Welt und regt meine Fantasie an.

Es wird mit Licht und Musik gespielt: Röhren hinter transparenten Folien sollen je nach gezeigter Sphäre eine schöne und von Perfektion zeugende Wirkung entfalten oder aber eine kühle, trostlose und blanke Wirklichkeit enthüllen, die sich in den unteren Sphären abspielt. Schon werden aus dem einen großen Raum viele kleine Orte, zwischen denen sich die Schauspieler*innen geschickt bewegen. Während man fasziniert das Geschehen auf der Bühne verfolgt, schlüpfen andere Schauspieler*innen unbemerkt schon in die Rolle der nächsten Szene. So kommt die Darstellung nicht ins Stocken, was eine besondere Dynamik erzeugt. Vor allem die emotionale Entwicklung des Hauptcharakters Linus wird durch Musik untermalt. In der Vorbesprechung sind sich alle Mitglieder*innen des Ensembles einig: „Man merkt es, was die Musik einem für Energie gibt. Auch als Zuschauer merkt man es, wirklich!“ Auch ich fühlte mich nicht nur in den dargestellten Alltagstrott der einen Szene, sondern auch in die dargestellte Welt von 2050 förmlich hineingesogen. Die Frage ist nur: Was ist hier noch Science Fiktion und was Realität?

 

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