Julia Schaller

Was ist die Wahrheit?

Donnerstag, 29. August 2019, 17:26

Dieses Jahr sind erstmalig zwei Installationen Teil des SPIELTRIEBE-Festivals. Eine davon ist WIR LASSEN () VORBEI auf der Route GOTTES KONKURRENZ. Mit viel Liebe zum Detail hat die aus Taiwan stammende Künstlerin Yi-Jou Chuang 480 Sushi in neun unterschiedlichen Sorten aus Papier gefaltet und heißt die Besucher*innen des Festivals in einer inszenierten Sushi-Bar in der DUNI willkommen.
Die Wahl für diesen Aufbau ist hauptsächlich von zwei Gründen motiviert. Zum einen werden politische Entscheidungen in ihrer Heimat in Teehäusern getroffen. Die Akteure teilen sich einen Tisch, ihre Zeit und den Tee. Ähnlich verhält es sich in einer Sushi-Bar: Die Besucher*innen holen sich das Essen vom Fließband, teilen es und unterhalten sich. Die Ritualität dieses Vorgangs erinnerte sie an den Umgang mit Internet und Social Media: Wir sehen etwas (lesen Nachrichten, nehmen Informationen auf), holen es uns (laden es herunter) und verbreiten unsere Meinung darüber weiter (kommentieren). Dabei wissen wir aber nicht, welche Informationen richtig sind und welche falsch. Wir glauben oft blindlings alles, was in Zeitungsartikeln steht oder in den Nachrichten berichtet wird, kommentieren Dinge, von denen wir glauben, dass wir alles darüber wissen und erlauben uns, voreilig Schlüsse zu ziehen.

Genau um diese Problematik und die große Frage „Was meinen wir zu wissen?" geht es in Yi-Jou Chuangs Werk.

Mit Hilfe der Sushi-Bar und eines Spiels lässt sie die Besucher*innen in eine, wie sie es nennt, analoge Digitalkommunikation treten. In den bereits erwähnten Sushis sind Bilder und Ausschnitte aus Zeitungsartikeln versteckt. Die Teilnehmer*innen können sich für einen Themenbereich entscheiden, der sie interessiert. Es stehen fünf verschiedene zur Auswahl, die eine dauerhafte Aktualität besitzen. Die Bilder und Texte, die kontroverse Informationen über denselben Themenbereich enthalten, werden mithilfe vorgefertigter Schlagwörter (Hashtags) kommentiert. In einem späteren Schritt schreiben die Besucher*innen außerdem kleine Texte über ein bestimmtes Bild, in dem sie ihre Meinung kundtun können. Diese werden wiederum von Teilnehmer*innen an anderen Tischen bewertet und kommentiert. Somit entsteht ein Netzwerk zwischen den Personen und eine Diskussion, ohne dass sie direkt miteinander interagieren, so wie es ebenfalls im Social Media-Bereich der Fall ist. In der Installation WIR LASSEN () VORBEI erleben Sie also Medien- und User-Kritik am eigenen Leib und das alles im Ambiente einer Sushi-Bar in einer Lagerhalle.  

Hinter der Installation, die auf den ersten Blick wie ein lustiges Spiel wirkt, steckt ein kreatives, gut durchdachtes und intelligentes Konzept, das vor allem zum Nachdenken über die eigene Mediennutzung anregt. Denn wieviel bekommen wir am Ende wirklich mit, wenn die Informationen auf dem Fließband an uns vorbeiziehen und wie hoch ist der Wahrheitsgehalt, wenn wir lediglich Fragmente einer Geschichte erhalten? Am Ende des Besuchs in der Sushi-Bar bleibt man verdutzt zurück und stellt sich verblüfft und leise die Frage: Was weiß ich denn nun wirklich?

 

 

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