Max Habermann

Was wir sind, werdet ihr sein

Donnerstag, 29. August 2019, 18:12

Begleitet von einem Knarzen auf jeder Stufe einer alten Holztreppe kam die Künstlerin Lan Pham zu mir in das Erdgeschoss des Guts Leye herunter. Sie hat die mit RLQN betitelte Installation geschaffen, um die es in diesem Blogbeitrag geht, ist jedoch auch an der Produktion DAYDREAMS AND NIGHTSCREAMS beim Festival Spieltriebe beteiligt.

Nach meiner Ankunft durfte ich schon einen flüchtigen Blick auf das Kunstwerk werfen. In diesem Augenblick bestand die noch unfertige Installation aus drei voneinander abgetrennten Räumen mit Anordnungen alter Geräte und Materialien, die Lan Pham auf einer Verwertungsanlage gesammelt hat. Mir war bewusst, dass Audiospuren und die richtige Beleuchtung noch fehlen. Auf meine Nachfrage hin weiß die Künstlerin aber schon ganz genau, welche Punkte noch aus welchem Winkel mit welchem Licht in Szene gesetzt, welche Audiosignale in welchem Raum vorgespielt werden sollen und in welcher Reihenfolge die Räume anzusehen sind. Eine der Einspielungen greift einen Text von Kazuo Ishiguro, dem britischen Literatur-Nobelpreisträger von 2017 auf.

Die Künstlerin stellt hohe Erwartungen an die Rezipierenden, was die Interpretation ihrer Installation angeht. Im Zentrum ihrer Recherche in Vorbereitung auf das Projekt stand die Geisteshaltung der sogenannten Transhumanisten. Diese Mitglieder einer elitären, politisch aktiven Bildungsbewegung nehmen Technik und Geräte als Teil des Menschen oder auch als eine Erweiterung des menschlichen Selbst wahr. Die Transhumanisten begrüßen jeglichen technischen Fortschritt. Früher hätte man sie vielleicht noch als Nerds bezeichnet, heute ist das Thema jedoch in Gesellschaft, Politik und Machtzentren angekommen.

So oder so verbinden sich Geräte mit unserem Alltag. Wir nutzen sie in Ritualen, also Handlungsabläufen mit bestimmten Regeln und einem Symbolgehalt. So stellen wir zum Beispiel vor dem Schlafengehen unseren Handywecker ein, womit wir unsere Schlafenszeit einläuten und uns mental auf den nächsten Morgen vorbereiten. Jeder sollte gemerkt haben, dass die Rate, mit der die Innovation technischer Dienste und Geräte voranschreitet, immer schneller steigt.

Können wir mit den ständigen Neuerungen in unserem Leben noch mithalten oder wurden wir schon abhängt?

Lan Pham umschreibt diese Problemstellung treffend mit den Worten: „Es ist schon krass. Man nimmt [die ganzen Neuerungen] einfach an und plötzlich macht man dreimal am Tag so...“. Währenddessen macht sie repetitiv die Wischbewegung nach, mit der man Apps auf dem Smartphone bedient.

Gegenüber dem historischen Gut Leye mit seinem Baustil und Gemälden aus vergangenen Jahrhunderten wirkt die Installation, die hauptsächlich aus veralteten Geräten und Medien besteht, hochmodern. Zusammen mit den stoffbehangenen Wänden ergibt dieser Kontrast schon jetzt eine skurrile Mischung, zumal ich das Gefühl hatte, durch die Geräte meine eigene Vergangenheit mit ihnen noch einmal zu durchleben. Man denke an die ganzen gespeicherten Daten und Inhalte, die sich in den Speichermedien verbergen! Die Installation ist jedoch nicht nur etwas für alte Hasen, sondern kann vielleicht sogar noch einmal ganz anders durch jüngere Betrachter*innen erschlossen werden, und zwar mithilfe ihres intuitiveren assoziativen Zugangs. Mit den Erläuterungen der Künstlerin habe ich mir die Installation nochmal angeschaut und ihre thematische Tiefe erkannt. Fertiggestellt würde ich sie auf jeden Fall nochmals gerne sehen!

Die Installation RLQN auf der Route MENSCHENVERBESSERER hat jedoch noch einen Clou: Sogar wenn die Betrachter*innen an der Station angekommen sein werden, wird das Kunstwerk nicht endgültig fertig sein, denn die Betrachter*innen selbst erhalten die Gelegenheit, der Installation den letzten Schliff zu geben. Wie das geschehen soll, darf ich aber nicht verraten.

Am Abend desselben Tages traf ich einen Freund in einer Osnabrücker Bar. Er erzählte mir freudig, dass ich seit Jahren der Erste bin, der ihm eine SMS geschickt hat. Seltsame Sentimentalität ...?!

 

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