Lena Mauritz

Von Wortmelodien und Leitfragmenten

Montag, 2. September 2019, 14:32 Uhr

Als ich am Morgen in der Lagerhalle der Firma Duni ankam, herrschte reges Treiben. Die Vorbereitungen für das am kommenden Freitag startende Festival waren in vollem Gange: Das Orchester spielte sich bereits ein und das Bühnenbild wurde vorbereitet. Geprobt werden sollte erst die Konzert-Installation DER ALTE TRAUM, anschließend die Oper DAS EBENBILD.

In der zwanzigminütigen Konzert-Installation geht es darum, dass Menschen von jeher bestrebt sind, die ihnen von der Natur gesetzten Grenzen auszuloten und zu überwinden. So wollten die Menschen beispielsweise erst einen Turm bauen, der bis in den Himmel reicht (der Turmbau zu Babel), dann wollten sie fliegen und schließlich wollen sie sogar durch moderne Techniken wie das Klonen den Tod überwinden. Komponiert wurde DER ALTE TRAUM von der jungen Komponistin Tingting Pang, mit der ich in der Pause sprechen konnte. Sie besuchte als Kind eine Musikhochschule in Peking, wo sie Klavier spielen lernte. Außerdem brachte ihr ihr Klavierlehrer bei, kleinere Stücke zu komponieren. Seit sie 15 Jahre alt war, wusste sie, dass sie später einmal eigene Stücke schreiben wollte. Sie musste sich jedoch erst gegen den Widerstand ihrer Eltern durchsetzen. Die wollten, dass Tingting Pang den gleichen Beruf wie ihre Mutter ausübt – und zwar Richterin. Nachdem ihre Eltern jedoch ein Konzert von ihr besucht hatten, waren sie begeistert und unterstützen sie. Nun studiert Tingting Pang an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Mannheim. Als sie durch das Theater Osnabrück und ihren Professor Sidney Corbett mit dem Regisseur der Oper, Haitham Assem Tantawy, zusammengebracht wurde und dieser ihr die Idee des Stückes mitgeteilt hatte, entwickelte sie direkt eine Idee, wie sich die Neugier des Menschen und die Suche, auf der er sich ständig befindet, musikalisch umsetzen lassen. Leider war unser Gespräch nicht sehr lang, da die Komponistin sich in der Pause intensiv mit der musikalischen Leitung (An-Hoon Song) über die Probe und mögliche Änderungen in der Partitur austauschen musste. 

Dass es einen solchen Austausch zwischen Komponistin und musikalischer Leitung gebe, sei etwas ganz Besonderes. Sonst habe man es in der Oper häufig mit toten Komponisten zu tun, so Dramaturg Christoph Lang.

Auf die Probe der Konzert-Installation folgte die der etwa vierzigminütigen Oper DAS EBENBILD. Darin geht es um ein konkretes Beispiel, in dem die Menschen versuchen, die natürlichen Grenzen zu überwinden: nämlich um das Klonen eines Menschen. Der Ehemann einer Frau ist schwerkrank. Weil sie meint, nicht ohne ihn weiterleben zu können, sucht sie einen Arzt auf, der ihr vorschlägt, den Klon ihres eigenen Ehemanns auszutragen. Komponiert wurde die Oper von Kyungjin Lim, der derzeit ebenfalls in Mannheim studiert. Mit ihm sprach ich nach der Probe. Er erklärte mir, dass für seine Komposition besonders sogenannte „Leitfragmente“ von Bedeutung seien. Dabei handelt es sich wie bei einem Leitmotiv um etwas Wiederkehrendes, allerdings nicht um eine ganze Melodie, sondern z.B. nur um zwei Noten oder einen Takt. Ein sehr wichtiges Leitfragment ist z.B. das Geräusch von Haaren, das durch Streichinstrumente und das Schlagzeug entsteht. Dieses Leitfragment taucht immer im Zusammenhang mit dem Arzt auf, da der eine Haarsträhne des schwerkranken Ehemannes braucht, um ihn klonen zu können. Des Weiteren orientiert sich die Melodie häufig an der natürlichen Wortmelodie, damit die Zuschauer die Sprache der Sänger möglichst gut verstehen können. In jedem Wort stecke an sich schon eine Melodie, erklärte mir Kyungjin Lim, sie müsse nur in Töne gefasst werden. Außerdem ist es dem Komponisten wichtig, viele warme Instrumente zu benutzen, wenn es um die Liebesgeschichte des Ehepaares geht – und in Szenen, in denen die Klonforschung thematisiert wird, eher wenige, kalte Instrumente zu verwenden und Klinikgeräusche nachzuahmen. Insgesamt hat Kyungjin Lim viereinhalb Monate für die Komposition gebraucht. Sie besteht aus rund 700 Takten und ist mit ca. 40 bis 50 Minuten nicht nur das längste Stück, das er je geschrieben hat, sondern auch seine erste Auftragsarbeit, sein erstes Mal, dass er ein Stück für Sänger schreibt, und seine erste Oper generell. Das sei eine große Ehre für ihn, so Kyungjin Lim. Eine besondere Herausforderung war für den aus Korea stammenden Komponisten die deutsche Sprache. Es war anfangs nicht ganz leicht, den Inhalt der Oper zu verstehen, die Wörter richtig zu vertonen, ohne die richtige Betonung der Wörter zu kennen, und es war auch herausfordernd, zum ersten Mal ein Sängerstück zu schreiben.

 

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