Daniela Schnuck, Lea Wittenhorst

Gutes Omen oder gelungene Generalprobe?

Donnerstag, 5. September 2019; 23:04 Uhr

Die Generalprobe von fünf Stücken, verschiedene Locations und die ersten Eindrücke des SPIELTRIEBE 2019 erwarteten uns heute am Theater und an verschiedenen Spielstätten in Osnabrück.

Bei bestem Osnabrücker Wetter gaben Jakob Fedler, das Ensemble aus vierzehn Bürger*innen und vier Schauspieler*innen den Startschuss mit DIE MENSCHENFABRIK nach Oskar Panizza im Theater am Domhof. Bereits 1890 beschäftigte sich der Autor mit der Frage, was einen Menschen von einer Maschine unterscheidet und was ihn überhaupt ausmacht. Heute gehen wir einen gesellschaftlichen Weg, in der die Frage aufkommt, inwieweit KI und Algorithmen das menschliche Leben beeinflussen, verbessern oder auch das Modell Mensch 1.0 übertreffen. Die Erzählung Pannizzas diente den Bürger*innen und Schauspieler*innen als Grundlage, welche sie im Verlauf der gemeinsamen Arbeit an die heutige Zeit gesellschaftskritisch anpassten. Thematisiert werden politische, persönliche, utopische sowie dystopische Zukunftsfragen, die den Zeitgeist in Bereichen wie Umweltschutz, Krieg, Datennutzung, Rassismus, Eigenbestimmung/-verantwortung sowie Ressourcen/-verteilung differenziert abbilden.

Bereits zu Beginn der Vorstellung fesselte die Erzählerfigur des Wanderers (Oliver Meskendahl) das Publikum und der Charakter wechselte innerhalb der Vorstellung zwischen Empörung, Unsicherheit, Angst und Enthusiasmus. Mit trockenem Humor, einer engelsgleichen Flugeinlage sowie dramatischen Szenen veränderte sich die Stimmung im Theater fast minütlich. Als gutes Omen für die Premiere fungierten hier kleinste Pannen am Bühnenbild, Texthänger und ein Beep-Fehler. Freilich wirkten sie ebenso sympathisch wie das Ensemble an sich.


ROUTE BLAU – SÜSSE TÄUSCHUNG

IKI.RADIKALMENSCH von Kevin Rittberger bildete das erste Stück der blauen Route, es wurde von Rieke Süßkow inszeniert. Gezeigt wurde dieses im emma-theater an der Lotter Straße und thematisiert das intime Zusammenleben eines Menschen mit einem Cyborg. Erreicht wurde die Spielstätte zu Fuß - mit einem kurzen Gang durch die abendliche Osnabrücker Altstadt.

Peter Vogel (Andreas Möckel) gestaltet sich die Titelfigur Intime Künstliche Intelligenz – IKI (Julius Janosch Schulte) – nach seinem Ebenbild und gerät in einen Konflikt zwischen Liebe, Regelhaftigkeit und Individualismus in einem Alles-für-alle Zeitalter. Mit Unmengen an rosafarbenem Stoff, Partnerkleidung und emotionalen Momenten erhielten die Zuschauer einen Einblick in die Beziehung von Peter und seiner IKI. „Mikroport auf 0“, auch Peters Assistentin bediente sich der Befehlsart eines Cyborgnutzers, um ihre Mikrofonproblematiken mit der Bühnentechnik zu lösen.

Den Abschluss bildete A CLOCKWORK ORANGE von Anthony Burgess, das von Sophia Grüdelbach und Simon Niemann inszeniert und mit dem Projektjugendclub des Osnabrücker Theaters im Gebäude der ehemalige Sportarena gezeigt wurde. Überbrückt wurde die Strecke zwischen dem emma-theater und der Sportarena durch einen Shuttleservice, der reibungslos funktionierte.

Empfangen wurden die Besucher*innen von einer martialisch anmutenden Außenansicht der Spielstätte, die bereits auf die kommende Inszenierung einstimmte. Gewalt, Drogen und Verrat bildeten die Eckpfeiler der Aufführung. Durch das dynamische Wechselspiel der Bühnen über die verschiedenen Etagen wurde der Besucher nicht nur inhaltlich durch das Stück geführt, sondern auch tatsächlich mitgenommen. Teils sitzend, teils stehend sowie gehend, bewegten sie sich durch den Spielort und standen oftmals schlicht im Weg. Die Schauspieler*innen bahnten sich souverän ihren Weg durch die Menge und es herrschte ein Gefühl von mittendrin statt nur dabei.


ROUTE ORANGE – EINE GLÄNZENDE GESELLSCHAFT

Das erste Stück dieser Route war LINUS IN DER STUFENWELT, inszeniert von Selina Girschweiler, nach dem Roman von Anne-Laure Bondoux. Aufgeführt wurde es in den Räumlichkeiten der Tischlerei SEIBT, die durch einen 10minütigen Gang erreicht wurde. Die Zukunftswelt, in der Linus mit seinem Vater und seiner Schwester in der geschützten Oberwelt lebt, ist in vier Sphären unterteilt, in denen die Menschen durch den Großen Berechner mit 12 Jahren ihrer Fähigkeiten entsprechend den Sphären zugeteilt werden. Mit näher rückender Testung kommen ihm Fragen bezüglich der Gerechtigkeit, es entstehen Gedanken zur freien Wahl und eigenständigen Entscheidungsmöglichkeiten. Durch den geschickten Einsatz von Monitoren ist es dem Zuschauer möglich, weitgehend jede Szene zu verfolgen, da die Spielstätte einige bauliche Hürden bietet.

Die Atmosphäre wird gestützt durch einen gewissen Werkstattgeruch und den Einbezug des Publikums, welches nicht von der Bühne abgegrenzt ist.

Das Ensemble und die Zuschauergruppe waren so eng beieinander, dass es im Eifer des Gefechts passierte, dass eine Flasche im Publikumsraum von einer Darstellerin umgestoßen wurde, da das Schauspiel sich bis auf die Zuschauerplätze erstreckte.

EIN KÖRPER FÜR JETZT UND HEUTE bildete den Abschluss der ROUTE ORANGE. Geschrieben wurde es von Mehdi Moradpour, inszeniert von Rebekka Bangerter und der Spielort war der Dachboden des Lauten Speichers. Erreicht wurde der Spielort durch einen Shuttleservice, der die längere Strecke gut überwand. Elija wird in seinem Heimatland aufgrund seiner Sexualität verfolgt und entschließt sich nach Europa zu gehen, um sich einer umfassenden Geschlechtsanpassung zu unterziehen. Er stellt fest, dass ihm ein Geschlecht nicht reicht und er mit dem Traum nach einem universellen Köper in die Illegalität eintritt. Die Spielstätte bot zwei voneinander getrennte Bühnen. Durch den Einbezug des Publikums ins Bühnenbild verschwand die Grenze zwischen Schauspiel und Zuschauer*innen teilweise.

Gut gelaunt folgten die Zuschauer*innen den Tourguides, welche durch farbige T-Shirts und große Hinweistafeln auf sich aufmerksam machten. Die Fahrzeit der Shuttles wurde zur Bekanntgabe einiger Informationen seitens der Guides genutzt. In der Sportarena, aber auch im Lauten Speicher, gelten besondere Bedingungen, welche somit bereits vorab vermittelt werden konnten. Hinweise zu Sitzmöglichkeiten und den spezifischen Begebenheiten der folgenden Spielstätten steigerten die Neugier der Zuschauer*innen vorab.

Die Abfolge der Theaterstücke folgt stringent dem Thema des Festivals. Mensch als Marke, Menschlichkeit, Individualität, Konformität, Anpassungsfähigkeit/-wunsch, Regelbrüche und Algorithmen bilden die Eckpfeiler der Stücke. Eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen, Regeln und Zielen lassen sich in allen Aufführungen finden. Die Wirkung auf die Zuschauer*innen verfehlt ihren Zweck nicht. Wer sind wir und wie sehen wir uns? Wie weit darf oder kann eine Optimierung gehen? Wie wollen wir zukünftig leben und welche Chancen sind wirkliche Chancen und keine Beschneidung der Menschlichkeit? Diese Fragen entstehen und geben den Besucher*innen eine Vielzahl von Gefühlen mit auf den Weg.

 

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