Liza Riedemann

„Hallo, ich bin Polly. Ich liebe dich.“

Freitag, 31. Mai 2019, 21:23 Uhr

Er habe fast ein wenig Angst, dass der Mensch selbst zum Roboter werde, das sagt mir Ahmad (32) als einer der 4 Schau-spieler*innen, die gemeinsam mit 20 Osnabrücker Bürger*innen in der Produktion DIE MENSCHENFABRIK mitwirken und spielen. Dabei wirkt die Gruppe, die ich am Freitagabend kennen lerne, alles andere als roboterhaft. Hier tummeln sich Persönlich- keiten aus allen Altersgruppen, mit den verschiedensten Schuhgrößen, Einstellungen und Herkünften. Nur eines scheint sie dann doch alle zu einen: die Leidenschaft für das Schauspiel.

Und so trifft man sich nach der regulären Arbeit am Vormittag, allen Widerständen zum  Trotz, in einem großen, warmen Raum und arbeitet gemeinsam an einem Stück, das mich vor allem durch seine Dynamik überrascht. Trotz der abgehackten, ruckartigen „Puppenkörperlichkeit“ der Spieler*innen  liegt eine produktive Spannung in der Luft, die jeden Lehrer blass vor Neid werden lassen könnte. Immer wieder werden hier Vorschläge von allen Seiten gemacht und schnell wird klar, dass die treibende Kraft ein Miteinander ist. Den Rahmen gibt zwar Panizzas DIE MENSCHENFABRIK, aber die Inszenierung wird frei nach den Impulsen aller Teilnehmenden gestaltet und solange getestet, bis alle einverstanden sind. Die Lebenswirklichkeiten, Erfahrungen und Ideen der Bürger*innen sind also nicht weniger essenziel für das entstehende Stück als die der professionellen Schauspieler*innen, Regieassistentinnen und des Regisseurs. Daher arbeiten die Osnabrücker*innen auch schon seit Monaten in Workshops an ihren eigenen Auseinandersetzungen und Assoziationen mit dem Thema Zukunft.

Die Probe, die ich besuchen durfte, wirkt bereits wie eine Destillation dieser investierten Zeit und Energie. Alle individuellen Persönlichkeiten finden gleich ihren Platz und schlüpfen miteinander in die Rollen der so konträren Puppen. Und was dann passiert, erklärt auch das schwarze Bühnenbild und die grauen Kostüme, die vorher so gar nicht zu der bunten Gruppe passen wollten. Alle Arbeit und Vorüberlegung scheint jetzt in die konzentrierte Darstellung der Puppenrollen einzufließen. Trotz der skurrilsten Momente und dem schallenden Lachen und Schaudern der Zuschauer*innen sind die Bürger*innen nun willenlose Maschinen, die nichts anderes kennen als ihre Programmierung. An manchen Stellen schmunzelnd, an anderen gruselnd verfolge ich das Schauspiel. Wer jetzt noch unter den Puppenrollen die Gruppe von vorher erkennen will, muss warten bis die Probe vorbei ist. Erst als „der Vorhang fällt“ – oder vielmehr die Puppenkörperlichkeit abgeschüttelt ist – verwandelt sich die Gruppe zurück und der Spuk ist vorüber.

„Es ist ein Privileg Mensch zu sein“, antwortet Milena (28) später, als ich sie frage, ob sie die Art von künstlicher Intelligenz, wie sie das Stück präsentiert, befürworte. Dieser Satz klingt nach.

Das Thema, die Gruppe und vor allem deren Umsetzung regt mich zum Nachdenken an. Panizzas Text scheint auch bei den beteiligten Osnabrücker*innen den Eindruck hinterlassen zu haben, Mensch-sein als ein Privileg zu verstehen und weniger die Angst zu haben, von Robotern überrannt zu werden, als vielmehr die, selbst zu welchen zu werden. Mit diesen Überlegungen und Eindrücken überbrücke ich die Zeit bis zum eigentlichen Festival – und zu einem Endprodukt, das ganz sicher einen würdigen, spektakulären Auftakt bilden wird.

 

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