Lea Günther

Ist der Mensch schon eine Marke?

Freitag, 31. Mai 2019, 21:15 Uhr

Ein kleiner Raum mit schwarzem Fußboden in den Kellerräumen des Osnabrücker Theaters: An die 30 Menschen, darunter Schauspieler*innen, Regisseur, Regie- assistentinnen, Souffleuse, Osnabrücker Bürger*innen – und ich sind dort an diesem Freitagabend anzutreffen. 

Die Probe beginnt: Eine Diskussion zwischen zwei Männern und plötzlich kommen Menschen, die sich wie Marionetten oder Roboter bewegen, auf die Bühne. Sie scheinen nur wenige Sätze sagen zu können: „Hallo, ich heiße Polly!“, „Ich liebe dich!“. In dem Moment scheint die Situation lustig, bis man sich jedoch Panizzas Text erinnert, auf dem das Stück DIE MENSCHENFABRIK, das den Auftakt des Festivals SPIELTRIEBE am 6.9.2019 bilden wird, basiert.

Oskar Panizzas Erzählung handelt von einem namenlosen Protagonisten, der auf seiner Wanderung eine Unterkunft für die Nacht sucht. Er gelangt an eine Fabrik, die sich als die „Menschenfabrik“ herausstellt. Der Direktor der Fabrik, ein altes, schwarzes Männchen, führt ihn hindurch: In dieser Fabrik werden tatsächlich Menschen hergestellt! Der Protagonist ist fassungslos darüber, dass diese aus dem Ofen kommen, nicht fähig sind zu denken und ihnen keine Seele gegeben ist. Sogar Kinder werden produziert. Als er ein Mädchen sieht, das aus seinen Augen vollkommen scheint, überlegt er einen Moment, ob er sich nicht in es verlieben könnte, doch als er fragt, ob es „der Gegenliebe fähig“ sei und das Mädchen daraufhin unnatürlich stark errötet, erkennt er die Grässlichkeit des Fabrikanten: „[S]ogar die Schamröte haben Sie gestohlen, die […] reinste aller menschlichen Empfindungen, um dem lieben Gott seine Menschen-Rasse nachzuäffen!“. Trotzdem fragt der Direktor, ob er nicht eines seiner Geschöpfe erwerben wolle.

Der Protagonist stürzt jedoch entsetzt aus der Fabrik und es kommt zu einem unerwarteten Ende.

Ich finde den Text sehr passend als Grundlage für die Auftaktveranstaltung: Das Motto des Festivals lautet MENSCH® und damit stellt sich auch die Frage: „Ist der Mensch schon eine Marke?“ Wenn Panizza sich bereits vor 130 Jahren gefragt hat, wie weit es mit der Technik kommen kann, ob vielleicht sogar irgendwann künstliche Menschen hergestellt werden können – Wie sieht es dann in weiteren 130 Jahren aus? Jetzt, da sich das Smartphone in rasendem Tempo entwickelt und nicht mehr wegzudenken ist, da künstliche Intelligenz immer mehr Einsatz zu finden scheint, da es in Japan tatsächlich die ersten Ansätze künstlicher Menschen gibt? Wo bleibt da die Seele des „echten“ Menschen?

Wie soll unsere Zukunft aussehen?

Mit solchen und noch mehr Fragen beschäftigen sich die Osnabrücker Bürger*innen, die in DIE MENSCHENFABRIK diese künstlichen Menschen verkörpern und dort in eine „Puppenkörperlichkeit“ schlüpfen, schon seit Februar. Diese Woche sind die vier Schauspieler*innen des Ensembles zu den Proben dazu gestoßen. In der Inszenierung findet eine eigene Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der Bürger*innen statt. Daher gibt es, abgesehen von dem Handlungsstrang und den Dialogen, kein striktes Konzept, an das sich gehalten werden muss – die Inszenierung wird so mit allen Beteiligten gemeinsam erarbeitet.

Das Stück soll zum Nachdenken anregen – und das tut es! Allein in den knapp drei Stunden, die ich in einer der ersten Proben erleben durfte, ist mir zwischenzeitlich die Kinnlade heruntergeklappt, dabei habe ich bloß eine Szene sehen können.

Das Thema der MENSCHENFABRIK ist aktueller denn je: Schließlich ist es unsere Welt, die sich verändert.

 

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