Yara Taha

„JEDES DING KANN HANDLUNGSFÄHIG WERDEN.“

Donnerstag, 6.6.2019, 10:00

Wer als Zuschauer*in ein Stück im Theater besucht, erahnt nicht, was sich alles so dahinter verbirgt. Man sieht das vollendete Kunstwerk, gewissermaßen die fertige Skulptur, jedoch nicht den Lehmblock, aus dem alles aufbereitet und geformt werden musste. Wie IKI.RADIKALMENSCH von Kevin Rittberger ganz zu Beginn aussieht, durfte ich heute miterleben.

Der Titel wirft erst mal eine Frage auf: Wer oder Was ist “IKI”? IKI ist eine „Intime Künstliche Intelligenz”, also eine Art Cyborg. Anfangs war sie ein relativ simpler Sexroboter, aber durch regelmäßige Updates und algorithmische Lernprozesse entwickelt sie sich zu einer vollwertigen, kommunikations- fähigen Gesprächs- und Lebenspartnerin für den Protagonisten Peter. Sie ist komplett auf Peter eingestellt, denn er kann nach Belieben ihr Verhalten regulieren. Je mehr sie sich an seine Erwartungen anpasst, desto unabhängiger und eigenwilliger scheint sie zu werden, sodass schließlich von einem simplen Sexroboter nicht mehr die Rede sein kann.

In Anbetracht dieser Beschreibung stellt man sich IKI vielleicht als einen humanoiden Roboter vor. Wie diese Erwartung zertrümmert wird, erfahre ich, als ich bei einer Probe dabei sein darf. Beim Betreten des Raums fällt das Auge direkt auf die riesigen rosa Tücher, die den gesamten Boden bedecken. Kaum einem wäre in den Sinn gekommen, dass diese Tücher eine tragende Rolle einnehmen werden – die der IKI. Um die Möglichkeiten dieser Art von Inszenierung zu erforschen, wurde Jakob, ein studierter Kunstpädagoge, dazu eingeladen, einen Workshop zum Thema Objekt- und Materialtheater zu leiten. Unter seiner Anleitung hauchen die Darsteller*innen Leben in das Objekt, indem eine bestimmte Art von Interaktion vorgenommen wird. Erzielt wird diese Interaktion durch Kennenlernen des Materials, womit die nächste Phase des Workshops eingeleitet wird. Die Darsteller*innen Andreas Möckel, Janosch Schulte und Katharina Kessler wagen sich einer nach dem anderen explorativ an eines der rosa Tücher, während der Rest zuschaut. Am Material wird gedrückt und gezogen, gerochen und gepustet, gezwirbelt und gedreht und es scheint wirklich lebendig zu werden, als hätte es ein Eigenleben und würde nicht vom Menschen kontrolliert werden – fast schon so wie IKI selbst. Denn sie wird im Verlaufe der Handlung immer selbstständiger, bis sie nun so autark ist, dass sie Peter Vorschriften macht.

„IKI wird nicht in Form eines Gegenstands dargestellt, sondern als etwas Abstraktes“, stellt Andreas Möckel fest, als die Bewegung des Tuches mit IKI in Verbindung gebracht wird.

So wie das Tuch kann IKI alle möglichen Formen annehmen, ist nicht greifbar, bald nicht mehr kontrollierbar – ihre Abstraktheit macht sie ungreifbar. Das Tuch scheint nach meiner anfänglichen Verwunderung plötzlich das perfekte Mittel, um diese Gedanken zu vermitteln, weil es plastisch darstellt, was IKI symbolisiert. Und das, obwohl sich das Material in Beschaffenheit und Farbe nicht deutlicher von typischem ‚Robotermaterial’ unterscheiden könnte! Die Exploration mit dem Tuch wirft so viele verschiedene Reaktionen und Ideen in den Raum, so dass konkret von kreativer Energie erfüllt wird.

Ich kann es kaum erwarten zu sehen, wie die vielzähligen Ideen im Theaterstück realisiert werden; wie das Gesellschaftsbild, die Geschlechterverhältnisse und die politische Dimension des Stücks mit den ästhetischen Mitteln kombiniert werden und welche Form es am Ende annehmen wird.

 

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