Philipp Lefherz

Was bin ich – und wenn ja, worin?

Montag, 17. Juni 2019, 21:37 Uhr

Motorenröhren, Warntöne, vorbeifahrende LKWs – das klingt nicht nach einer üblichen Probenumgebung für ein Theaterstück. Und doch ist genau das Realität: Im Lauten Speicher, dem neuen Kreativzentrum am Hafen Osnabrücks, laufen die Probenarbeiten für EIN KÖRPER FÜR JETZT UND HEUTE von Mehdi Moradpour. Das Baustellenflair drückt sich dabei nicht nur in der Lautkulisse, sondern auch im Zustand des Probenraumes aus. Unverputzte Wände, Planen und Rohre bestimmen das Bild des Dachgeschosses, das zu Großteilen bespielt werden soll – und bieten mit dem langgestreckten Schnitt des Speichers eine ganz eigene Umgebung für die Erarbeitung und Aufführung des Stücks. Denn durch diese eigentlich unfertigen Räumlichkeiten entsteht auch eine Parallele zu dem zentralen Thema des Werkes: der Veränderung eines als unfertig, beziehungsweise als nicht passend empfundenen Körpers.

Der Text dreht sich um die Entwicklung Elijas, der nach einer Geschlechtsumwandlung vom Mann zur Frau zusammen mit Mela und Fanis eine Reise antritt, auf der Elija nach weiteren Möglichkeiten zur Veränderung seines Körpers sucht. Dabei geht es Elija bewusst um Weiterentwicklung, um Grenzüberschreitungen und dem Ausloten des bisher Möglichen in der Körpermodifizierung. Zur Bearbeitung von Themen wie Transgender, Menschsein oder soziale Identität nutzt Moradpour eine sehr bildstarke Sprache, die absichtlich nicht rein dialogisch, sondern zum Teil sehr lyrisch, zum Teil nüchtern beschreibend oder auch mal in Prosaform gehalten ist. In einem Gespräch zwischen dem Autor, dem Regieteam und den Schauspieler*innen kann ich sehen, wie intensiv die Auseinandersetzung mit dem Text bereits war und wohl auch beständig sein wird. Neben Rückfragen zu Beziehungen zwischen den Charakteren, der Bedeutung einzelner Wörter und religiöser Symbolik wird auch der Hintergrund des Stückes thematisiert. Und plötzlich werden aus vorher abstrakten nun in der Realität verankerte Themen. Denn die im ersten Teil des Textes thematisierte, letzten Endes erzwungene Geschlechtsoperation Elijas ist bis heute noch Teil des Schicksals einiger homosexueller Menschen. Im Iran steht zum Beispiel auf homosexuellen Geschlechtsverkehr die Todesstrafe. Somit ist eine Geschlechtsumwandlung eine, auch von der Regierung unterstütze, Alternative, um seine Sexualität ausleben zu können.

Im Iran steht zum Beispiel auf homosexuellen Geschlechtsverkehr die Todesstrafe. Somit ist eine Geschlechtsumwandlung eine, auch von der Regierung unterstütze, Alternative, um seine Sexualität ausleben zu können.

Moradpour schafft dabei trotz der Behandlung von derart komplexen und heiklen Themen ein Werk, das mich durch die besondere Sprache nicht vor Überforderung lähmt. Vielmehr fasziniert es und regt zum Nachdenken an, wobei auch die sehr lebendige und persönliche Spielweise der Schauspieler*innen bei den Probearbeiten eine wichtige Rolle spielt. Gepaart mit dem sich im Rohbau befindenden Aufführungsort, der Herausforderung aber auch Möglichkeit zugleich ist, erwarte ich eine beeindruckende Aufführung, die für mich bereits jetzt Potential zum Highlight hat.

 

 

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