DIE RATTEN

DIE RATTEN

Berliner Tragikomödie von Gerhart Hauptmann

Auf dem Dachboden einer schäbigen Mietskaserne hat Ex-Theaterdirektor Harro Hassenreuter seinen Kostümfundus eingelagert, die Nachbarin Frau John staubt die „Theaterlumpen“ ab und sorgt für Ordnung. In diesem fensterlosen Loch, wo Hassenreuter seine Schüler in die Schauspielkunst einweiht, will er seine Liebschaft treffen – genau wie seine Tochter Walburga. Doch Frau John weiß heikle Begegnungen zu verhindern. Sie selbst hat die junge Polin Pauline Piperkarcka, die nun mit Walburga Hassenreuter hinter der Dachklappe kauert, hastig versteckt. Die schluchzende Pauline soll 123 Mark bekommen, wenn sie heimlich auf dem Dachboden entbindet und Frau John ihre Sorgen sowie ihr uneheliches Baby überlässt. Glücklich präsentiert Frau John das Baby ihrem Mann und der Nachbarschaft als ihr eigenes, lang ersehntes Kind. Doch Pauline schaltet die Behörde ein. Frau John setzt ihren kriminellen Bruder Bruno auf das polnische Mädchen an, damit dieses Stillschweigen bewahrt. Gerhart Hauptmann jagt seine Figuren vom Dachboden der Geheimnisse durch Verwicklungen und Verwechslung in ihr tragisches Ende. Seine theaterrevolutionäre Ansicht schreibt der Naturalist Walburgas Geliebten und Hassenreuters Schauspielschüler, dem Theologiestudenten Spitta zu, der behauptet, dass „unter Umständen ein Barbier oder eine Reinemachefrau ebenso gut Objekt der Tragödie sein könnte als Lady Macbeth und König Lear.“

Fotos: Marek Kruszewski

Die Vorstellung dauert ca. 2 Stunden 35 Minuten, eine Pause


Medien

Besetzung

Inszenierung Annette Pullen
Bühne/Kostüme Iris Kraft
Dramaturgie Anja Sackarendt

Harro Eberhard Hassenreuter, ehemaliger Theaterdirektor Thomas Schneider
Frau Direktor Therese Hassenreuter Christiane Hagedorn
Walburga Hassenreuter, ihre Tochter Andrea Casabianchi
Erich Spitta Jakob Plutte
Alice Rütterbusch, Schauspielerin Stephanie Schadeweg / Manja Haueis
Paul John, Maurerpolier Martin Schwartengräber
Frau Jette John Monika Vivell
Bruno Mechelke, ihr Bruder Marcus Hering
Pauline Piperkarcka, Dienstmädchen Magdalena Helmig
Frau Sidonie Knobbe Sabine Osthoff
Selma Knobbe, ihre Tochter Marie Bauer
Quaquaro, Hausmeister Tilman Meyn

Pressestimmen

„Ein imponierend symbolträchtiges Bühnenbild und ein Schauspielerabend zwischen stilisiertem und realistischem Spiel: Annette Pullens Ratten-Inszenierung fand großen Anklang beim Publikum im Osnabrücker Theater. Wenn Hemden und Jacken so dicht gedrängt von der Decke herabhängen wie in Iris Krafts Bühnenbild zur Osnabrücker Ratten-Inszenierung, dann kann ein Theaterfundus leicht Angst einjagen. Genau deshalb taugt er glänzend als vielschichtiges Symbol: für eine Inszenierung, die sich dem schon durch Spukelemente aufgeweichten Naturalismus Gerhart Hauptmanns stellen, aber selbst keinesfalls in realistische Milieu-Bebilderung zurückfallen will. In den Kleiderreihen kriechen fortwährend allerlei Menschen umher, ohne dass man sie ständig sieht. Besonders dann, wenn das Podest mit den Kleidern heruntergefahren und oben bespielt wird, erinnert es sicher nicht zufällig an einen Keller und die titelgebenden Ratten darin. […] Der verbrecherische Bruno ist so einer, der den aus Verzweiflung geborenen Pakt zwischen dem schwangeren Dienstmädchen Pauline Piperkarcka und der kinderlosen Jette John mitbekommt. Marcus Hering macht ihn als gefährlichen Spieler kenntlich. Das Mädchen Selma ist auch so eine, die Marie Bauer als Gast eindrucksvoll als angstschlaue Verkörperung sozialen Elends spielt. […] Die nächste, schon kleinbürgerliche Ebene im sozialen Gebäude, das Schauspielchefin Annette Pullen transparent macht, ist die von Putzfrau John. Ihren Gatten Paul stellt Martin Schwartengräber als einen Mann der klaren Ansagen dar, den man nur mit einem Kind halten kann. Wunderbar gespielt, wie der auffliegende Schwindel um das Kind seine freundlich-übersichtliche innere Welt ins Wanken bringt. Um diese heile Welt ringt Jette John. Monika Vivell spielt sie als eine Frau, die einzig ihrer inneren Logik folgt und nicht nach Recht und Unrecht fragt. […] Die Schauspieler berlinern wacker, und die wunderbar handfest-laute Pauline Magdalena Helmigs zetert sogar noch mit polnischem Akzent. Eine Gesellschaftsschicht höher, im Haus Hassenreuter, geht es manirierter zu. Christiane Hagedorn (zu Gast) gibt eine Frau Hassenreuter, bei der jede blasierte Körperbewegung sozialen Dünkel verströmt. Ihr frisches und frisch verliebtes Töchterchen, die Walburga Andrea Casabianchis, hat noch nicht viel abgekupfert davon. Während der Spitta Jakob Pluttes mit Wirrschopf und schwärmerischer Selbstgewissheit sicher nicht zufällig an das junge Möchtegerngenie Hauptmann erinnert. Thomas Schneider amüsiert mit der volltönenden Jovialität seines Theaterdirektors Hassenreuter und dem eitlen Wegstreichen des Künstler-Langhaars. […] Der zweieinhalbstündige Abend mit seinen Wechseln zwischen stilisiertem und psychologisch realistischem Spiel macht es möglich, die große Wandlungsfähigkeit der Schauspieler innerhalb einer Rolle zu beobachten. Das verleiht dem Abend […] erfreuliches Eigengewicht. Weil er an das gute alte Schauspielertheater anknüpft und von neuen Regiestilen offenbar nicht verdrängt wird.“
Neue Osnabrücker Zeitung, 22.10.2012

„Kaum merklich bewegen sich die Kleider. In einem Wind, der nirgendwo her kommt. Vier meterlange Kleiderstangen hängen der Höhe nach versetzt hintereinander. Eine Wäschewand. Später offenbart sie ihren Mechanismus. […] Ausstatterin Iris Kraft hat für diese Ratten eine beeindruckend schlichte Konstruktion entwickelt, die unterstreicht, wie die Figuren einander zu Gespenstern werden. Zwei Frauen überraschen einander inmitten des hängenden Wäschegartens – und intonieren einen hinreißend gedehnten Entsetzensschrei. Gegen Ende wird Martin Schwartengräbers eruptiv ehrlicher Polier Paul John das ganze Ding zum Schaukeln bringen. Gegen wirtschaftliche wie wohnliche Schieflagen wird er dabei anschreien. Und gegen sein ganz persönliches Unglück. Regisseurin Annette Pullen weiß über weite Strecken eine Menge mit dieser flexiblen wie aussagekräftigen Apparatur anzufangen. Indem sie viele Szenen des eigenartig geisterhaft durchdrungenen Naturalismus-Klassikers nach graphischen Gesichtspunkten baut. […] Anders als in der akribisch notierten Innenarchitektur der Mietskaserne in Hauptmanns Textbuch befindet sich hier der Dachboden (mit den Klamotten) unterhalb der Wohnung der Eheleute John. Was sagen mag, dass dieses Drama sich so eben ausschließlich (ja, wörtlich) auf dem Theater abspielt. […] Die Mischung aus statischen Figurenkonstellationen, abgezirkelten Laufwegen und kargen Komik-Elementen […] wirkt mitunter so, als habe ein akkurater Sprechtextfanatiker wie Thomas Bischoff eine Screwballkomödie inszeniert. […]“
nachtkritik.de, 20.10.2012

„Die Schauspielleiterin am Theater Osnabrück bleibt auch bei Gerhard Hauptmanns Die Ratten ihrem Stil treu. Annette Pullen inszeniert die Berliner Tragödie mit ruhiger Hand und Fokus auf die psychologischen Momente. Die Protagonisten kämpfen dabei meist mit sich selbst anstatt mit sozialen Mechanismen, denen sie ihre Schicksale verdanken. Damit verabschiedet sich Pullen bei der gefeierten Premiere am Samstag im Theater am Domhof vom naturalistisch-aufklärerischen Impetus des Dramatikers. Durch die extreme Konzentration auf die inneren Vorgänge der Figuren erschafft die Regisseurin eine stets eindringliche und oft angespannte Seelenstudie einer Kindsräuberin. Dass die emotional bedrückenden Szenen immer wieder durch kleine humorvolle Einlagen unterbrochen werden, schärft die Aufmerksamkeit für die Hilflosigkeit der Personen. Besonders beeindruckt die Leistung von Monika Vivell, die als Jette John nach dem Tod ihres Kindes nun einer schwangeren polnischen Magd das Neugeborene abkaufen will. […] Jettes Mann Paul, den Martin Schwartengräber als übermoralischen Aktionisten spielt, wettert und schreit am Ende nach Gerechtigkeit. Wie sinnlos der Ruf nach Fairness in einer Welt voller Schicksalsschläge ist, unterstützt das Bühnenbild von Ausstatterin Iris Kraft. Auf einem an Seilen hängenden Podest gerät das Leben aller immer wieder ins Schwanken und in Schieflage. […] Meist agieren die Darsteller voneinander abgewandt. Die Figuren bleiben dadurch in ihrer eignen Welt gefangen, müssen ihr Schicksal mit sich selbst ausmachen. Hilfe wird niemand bei seinem Gegenüber finden. Pullen erzeugt damit eine Stimmung, die längst nicht mehr soziale Realitäten diskutiert, sondern deren Folgen in den seelischen Gemütslagen der Menschen, die deren Opfer geworden sind, veranschaulicht. Und das auch dank eines hervorragenden Ensembles […].“
Münstersche Zeitung, 22.10.2012

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