ÜBER GRENZEN

Spielzeit 2026/27

Vor welchen Grenzen stehen wir und welche legen wir uns selbst auf? Die unzähligen Krisen der Welt hier zu beschreiben, ist müßig, haben wir sie doch schon so oft gehört. Auch grenzt uns das immerwährende Aufzählen der drohenden Katastrophen ein. Grenzen wohnt immer Ambivalentes inne: Einerseits schützen, strukturieren, ordnen und erlauben sie das Miteinander in einem Raum mit gemeinsamen Spielregeln. Andererseits rücken jetzt wieder Grenzen ins Zentrum politischer Imagination, die einmauern, einengen und nationalstaatliches Denken befördern sollen.

Gerade Europa wirkt in den aktuellen Entwicklungen seltsam entkernt. Hat die Utopie Europa ausgedient? Die Ideen der Aufklärung – Vernunft, Kritik und universelle Menschenwürde – haben Europa von Anfang an als geistigen Raum zusammen-gehalten. In dem Moment, in dem Vernunft wichtiger wurde als Herkunft, Autorität oder göttliche Ordnung, erfand sich Europa als Idee. Wissen sollte öffentlich, überprüfbar und teilbar sein – Freiheit des Denkens galt als Voraussetzung gesellschaftlichen Fortschritts. Was ist von diesen Ideen noch übrig geblieben? Was an der europäischen Idee trägt bis in die Gegenwart?
Und: Wie kann Kunst helfen, wieder offener über die Welt zu denken? Nicht das Ein-grenzende, sondern das Entgrenzende zu suchen? Unsere Antwort: Theater. 

Gemeinsam, Transkulturell, Maßlos verhandeln wir seit fünf Jahren bestehende Grenzen. Wir wünschen uns grenzenlose Freude, Mut, Rausch und Gemeinschaft. Begegnungen ermöglichen neue Formen des Denkens, denn die Komplexität unserer Gegenwart braucht verschiedene Perspektiven.

Denn Kunst
erweitert Grenzen.
Immer.

 

 

THEATER ALS VERBINDENDE KRAFT OSNABRÜCK & EUROPA

Oberbürgermeisterin Katharina Pötter im Gespräch mit Ulrich Mokrusch und Matthias Köhn über Zukunftsprojekte und die kommende Spielzeit.

UM Starten wir mit einer guten Nachricht: Wir haben eine große Förderung aus EU- Mitteln über zwei Jahre bekommen, um gemeinsam mit Kulturinstitutionen der Region Arnheim in diversen Austauschformaten Tanzprojekte zu entwickeln und ein großes deutsch-niederländisches Tanz-Festival auszurichten. Dies nehmen wir zum Anlass, den Blick auf Europa zu richten und zu fragen, was kulturelle Identität in Europa heute bedeutet. Wie sehen Sie das Verhältnis von Osnabrück zu Europa?

KP Osnabrück ist historisch mit Europa verbunden wie kaum eine andere Stadt in Deutschland. Der Westfälische Friede gilt als Geburtsstunde der europäischen Diplomatie. Gerade jetzt, wo Europa so unter Druck steht, ist es wichtig, Ideen zu liefern. Was macht uns – gerade im Hinblick auf die kulturelle Identität – gemeinsam aus?  Von daher passt dieses Thema ohne Frage zu Osnabrück.

UM Wir erleben gerade, dass die politisch extreme Rechte wieder die Nationalstaatlichkeit zurückfordert, anstatt Europa als großes Gemeinschaftsprojekt zu denken. Wir wollen diesen Narrativen etwas entgegensetzen. Wir wollen zeigen, dass die Idee von Europa viel stärker und vielschichtiger ist: historisch, wirtschaftlich und kulturell.

KP Da hat sich in der Tat einiges verändert. Wenn Sie vor fünf Jahren die Menschen gefragt hätten, was ihnen Europa bedeute, hätten sie wahrscheinlich gesagt: Reise-freiheit, Niederlassungsfreiheit, der Euro und so weiter. Die Vorteile eben. Aber sie wären auch ganz schnell auf die Nachteile gekommen: Bürokratismus, die Bananen-regelung, was auch immer. Aber heute merken die Menschen zunehmend, was für ein Friedensprojekt Europa eigentlich ist. Und dass es auch für uns in Deutschland ein Glück ist, in einem vereinten Europa leben zu dürfen. Dazu gehört aber eben auch, dass wir etwas tun müssen, um es zu erhalten und wieder zu stärken.

UM Ich glaube, das ist es, was uns antreibt. Welchen Beitrag können wir leisten, um die Diskussion aus diesen Allgemeinplätzen herauszuheben? Kultur und Theater können diese Erzählung konkret erlebbar machen und sie größer weiterdenken. Zweitausend Jahre europäische Kulturgeschichte sind wirklich etwas, das uns zutiefst verbindet. Daran müssen wir uns wieder erinnern.

KP Es ist daher wichtig, das Theater in die Stadt zu holen, die Menschen mitzunehmen, egal wo sie herkommen und mit ihnen gemeinsam aktuelle Themen zu reflektieren: Etwas, das das Theater Osnabrück aus den vergangenen Spielzeiten fortführt. Und dazu dann noch als I-Tüpfelchen eine echte Finanzspritze von der Europäischen Union zu bekommen, ist natürlich besonders schön.

UM Unser Europaprojekt hat seinen Ausgangspunkt in einer deutsch-niederländischen Zusammenarbeit im Tanz. Doch das komplexe Verhältnis zu unseren Nachbarn wird auch in den anderen Sparten auftauchen. Da hinein passt inhaltlich auch die von uns beauftragte Uraufführung einer Oper über Peter van Pels: ein Osnabrücker, der mit seiner Familie im Dritten Reich nach Amsterdam emigrierte, in der Hoffnung, dort zu überleben und der dort nach zwei Jahren im Versteck mit Anne Frank und anderen in ein KZ deportiert wurde. Eine deutsch-niederländische Geschichte, die durch das Tagebuch weltberühmt geworden ist, von der aber wenige wissen, dass sie, was die Familie van Pels anbelangt, in Osnabrück begonnen hat. Wir wollen seinen 100. Geburtstag im November 2026 im Theater feiern.

KP Das ist ein großartiges Signal! Gerade in der heutigen Zeit, in der wir feststellen, dass Antisemitismus nicht nur in Deutschland, sondern auch bei uns in Osnabrück wieder zunimmt. Es ist zugleich eine Einladung des Theaters und der Stadt an die jüdische Gemeinde: Ihr gehört zu uns, wir gehören zusammen und ihr seid hier willkommen.

MK Wir sehen das Theater als ein wichtiges Bindeglied zwischen den Menschen und der Stadt. Und es ist schön zu sehen, dass sich unsere langfristige Arbeit auszahlt: Viele neue Menschen haben wir über den Theater Beach oder den Bereich Transkulturell neugierig auf unser Haus gemacht. Und diese Menschen sehen wir vermehrt in unseren Vorstellungen. Für die Zukunft wollen wir noch stärker in die Stadtteile gehen und vor Ort kleinere Projekte initiieren, um die Begegnungen mit dem Theater zu vervielfachen. Der ständig steigende Zuspruch ist zum einen sicherlich der künstlerischen Qualität zu verdanken, aber darüber hinaus auch ein Ergebnis der Arbeit an den vielfältigen Schnittstellen zwischen Stadt und Theater.

KP Ja, die Öffnung des Theaters in die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert – und das zum Positiven. Hier sind Sie ja nicht nur mit einem großartigen Programm des Theaters auf dem Weg, sondern wir wollen ja auch die Infrastruktur stärken: Ich bin sehr froh, dass wir jetzt mit dem möglichen Probenzentrum in der Herz-Jesu-Kirche eine große Chance haben, das Theater in Gänze in der Stadt zu halten.

MK Das wäre wunderbar und wäre auch der nächste logische Schritt auf dem Weg zur Sanierung. (Mehr dazu auf S. 124)

KP Die Umwidmung der Herz-Jesu-Kirche als Probebühne und neuer Spielort, gemein-sam mit dem Neubau für Kostümwerkstätten, ist im Sinne der Nachhaltigkeit beispielhaft. Sie ist ein wichtiger Baustein für diesen Teil der Innenstadt und ein großer Schritt auf dem Weg zum Erhalt des Theaters als kulturellem Herz der Stadt.

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